Im Zeichen der Ringe

Von Peking nach Shanghai. Zuerst trug China die Olympischen Spiele 2008 in seiner Hauptstadt aus und als nächstest ist Shanghai mit der Weltausstellung Expo  2010 im mai dran. Auch hier kann man von China wieder großes erwarten.  Um das Großereignis Olympiade 2008 nochmals ins Gedächtnis zu rufen und die Vorfreude auf die Expo 2010 anzufachen, haben wir hier einen Artikel mit Bildern für euch bereitgestellt.

Das Vogelnest in Peking

Ein Jahr vor den Olympischen Spielen verändert sich die Stadt mit rasantem Tempo / Von Pascal Brückmann

Es beginnt schon bei der Einreise. Ein kurzer Gruß, dann prüft der Beamte Pass und Visum, stempelt die Papiere. Die Schranke öffnet sich, doch zuvor wird der Ausländer noch um seine Meinung gebeten, anonym versteht sich. „Waren Sie zufrieden mit dem Service?” lautet die Frage auf einem Display. Vier Antwortmöglichkeiten von ungenügend bis sehr gut stehen zur Wahl. Damit hatte der Gast irgendwie nicht gerechnet.

Ein gutes Jahr vor den Olympischen Spielen wird in Peking offenbar nichts mehr dem Zufall überlassen. Die chinesische Charme-Offensive, generalstabsmäßig geplant, kommt langsam aber sicher auf Touren. Das zeigt sich auch bei der nächsten Begegnung. „Olympic games 2008 – very good! Where are you going?!” Mit einem breiten Grinsen radeberecht der Taxifahrer das neu gelernte Vokabular.

Die nette Geste hat Methode. Sämtliche Fahrer der Hauptstadt müssen in diesen Wochen die von der Regierung verordneten Englisch-Kurse besuchen. Zudem wurden die 70 000 Chauffeure angewiesen, im Fahrzeug nicht mehr zu rauchen oder zu essen. Verboten sind ebenfalls kahlrasierte Köpfe, Bärte oder Ohrringe. Die Vorschriftswelle hat auch die normale Bevölkerung erfasst. Eine „No Spitting”- Kampagne“ soll die Pekinger Bürger dazu bringen, nicht mehr auf den Boden zu spucken. Zudem wird an jedem 11.Tag des Monats an den Bushaltestellen unter strengen Augenvon Aufpassern geübt, wie man sich geordnet in eine Warteschlange einreiht.

Über breite Highways quält sich der Verkehr in die Millionenmetropole, rechts und links der Straßen ragen Baukräne und neue Hochhausbauten in den dunstigen Himmel. Nach Dubai ist Peking die Stadt mit den größten Bauaktivitäten weltweit. Der Bau-Boom ist nur zum Teil den Olympischen Spielen geschuldet, er ist auch Ausdruck des rasanten Wirtschaftswachstums des Landes. Und der Tatsache, dass bislang Shanghai und Hongkong eine weit stärkere Ausstrahlungskraft als Peking besaßen.

Spätestens mit den Spielen will die Hauptstadt nun endlich aus dem Schatten treten und neue Stärke beweisen. Geschätzte 16 Millionen Menschen, die Wanderarbeiter aus den umliegenden Provinzen mitgerechnet, haben sich für ein Leben in Peking entschieden. Schier grenzenlos ist ihr Drang nach individueller Mobilität. „In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der Autos von einer auf drei Millionen gestiegen. Und jeden Tag kommen tausend Fahrzeuge neu dazu”, berichtet Han Zhiyuan, Büroleiter des Reiseveranstalters China Tours. Inzwischen werden selbst kurze Fahrten zur Qual, der Stau ist zum täglichen Begleiter geworden.

Entsprechend dürfte der nahende Verkehrskollaps zu dem größten Problem der Spiele werden, das wissen auch die Organisatoren. Fast verständlich also, dass Sun Weide, Mediendirektor des Olympischen Komitees, das Interview nicht wie gewünscht am Straßenrand führen möchte. Stattdessen übt er sich von seinem Schreibtischsessel aus in ungebrochenem Optimismus. „Wir werden vier neue U-Bahn-Linien eröffnen, außerdem haben wir die Preise für den öffentlichen Nahverkehr so drastisch gesenkt, dass viele Menschen auf das Auto verzichten”. Zudem würden natürlich für die Funktionäre und Sportler eigene Fahrbahnen reserviert.

Dessen ungeachtet rechnen Experten mit ganz anderen Problemen. Die heißen Sommertemperaturen von mehr als 35 Grad und die enorme Luftverschmutzung könnten zur Belastungsprobe für die 16 000 Sportler und mehr als 500 000 Olympiagäste werden. Zwar wurden zur Verbesserung der Luftqualität in den vergangenen Jahren 17 Mio. Bäume gepflanzt. Doch auch an diesem Tag wabert eine dichte Dunstglocke über der Stadt. Dazu ist es drückend heiß, obwohl sich die Sonne nicht einmal durch den Smog hindurchkämpfen kann.

Besonders Neuankömmlinge leiden unter diesen Zuständen. Der Berliner Stephan Kapek hat vor zwei Wochen seinen Job als Resident Manager des Shangri-La-Hotels angetreten, nachdem er zwei Jahre auf einer philippinischen Ferieninsel tätig war. Jeden Morgen informiert er sich via einer speziellen Webseite über die Luftqualität an seinem neuen Standort. „Immerhin gab es schon drei Tage, an denen die Luftverschmutzung die Skala von 200 nicht überschritten hatte”, berichtet er mit einem ironischen Unterton. „Dazu muss man wissen, dass man ab einem Wert von über 200 zum Schutz der eigenen Gesundheit nach Möglichkeit nicht mehr auf die Straße gehen sollte.” Sorgen ums Geschäft macht sich Kapek deswegen aber nicht. Sein 670 Zimmer-Haus ist seit über einem Jahr für die Zeit der olympischen Spiele komplett ausgebucht, trotz Preisen von mehr als 500 Dollar pro Nacht.

Voll im Zeitplan sind auch die Bauvorhaben der Olympischen Sportstätten. Bereits im März 2008 sollen die mehr als 20 000 Bauarbeiter ihre Kellen und Schaufeln endgültig aus der Hand legen. Über die Spiele hinaus bleibt besonders das Olympiastadion der Stadt als architektonische Attraktion erhalten. 42 500 Tonnen heller Stahl wurde von den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron in ein gigantisches Fadenknäuel verwandelt, das an die Form eines Vogelnestes erinnert und den Spitznamen „Bird’s Nest” trägt. Aus der Nähe betrachtet wirkt der Bau chaotisch, aus der Ferne ungemein filigran und transparent.

Pascal Brückmann, Reise Journal der WAZ Mediengruppe, 7.Juni 2007

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