Hundertjähriger Traum wird wahr

Noch bis vor ein paar Jahren hatten es Künstler in China besonders schwer ihre Werke auszustellen oder ihre Arbeit auszuüben. Mit der zunehmenden Öffnung des Landes in den letzten Jahren und dem stetigen Einfluss aus dem Westen hat sich diese Situation für chinesische Künstler geändert. Durch die Austragung der Olympiade 2008 in Peking hat sich der Blick der Welt nun einmal mehr auf das Reich der Mitte gerichtet und stellt es ins Rampenlicht. Der Einfluss der Olympiade in Peking und die damit einhergehenden Hoffnungen der Bevölkerung beschreibt Pascal Brückmann im nachfolgenden Artikel.

 

798 Factory in Peking

Neue Freiheiten für die Jugend und die Kunstszene. Die Zukunft nach den Spielen bleibt aber ungewiss./Von Pascal Brückmann

Dieses Stadion, so der Architekt, solle beispielhaft das neue China verkörpern. Herzog: „Ich hoffe, dass dieses Bauwerk für Peking sein wird, was der Eiffelturm für Paris ist.”

Auch Michael Kahn-Ackermann, Leiter des Goethe-Instituts in Peking, ist davon überzeugt, dass die Olympischen Spiele die Stadt nachhaltig verändern werden. „Die derzeitige Aufbruchstimmung ist enorm, man kann sie förmlich mit Händen greifen”, beschreibt er den rasanten Wandel.

Deutlich werde dies beispielsweise an dem pulsierenden Nachtleben, dem neuen kulturellen Selbstbewusstsein und den vielen privaten Restaurants, Clubs und Bars. Noch vor einem Jahrzehnt mussten die Lichter kurz nach dem Abendessen ausgeknipst werden, öffentliche Rock-Konzerte durften wenn überhaupt nur im Sitzen und unter Aufsicht der Sicherheitspolizei verfolgt werden. „Und heute unterstützt der Staat Pop-Festivals und fördert sogar Kunstprojekte”, erklärt Julia Hanske, die Referentin für das Kulturprogramm beim Goethe-Institut.

In dem Bezirk 798 hat sich die Pekinger Kunstszene erstmals eine feste Heimat erobert. Auf dem Gelände einer ehemaligen Elektronikfabrik haben sich inzwischen über hundert Galerien, Cafes und Kunstwerkstätten angesiedelt. An vielen Wänden leuchten bunte Graffitis auf dem Mauerwerken, ein Beleg dafür, dass die Staatsmacht auf diesem Territorium längst nicht mehr mit voller Härte regiert.

In der „Contrasts Gallery” berichtet Cici Zhao darüber, wie sich die Bedingungen für die Künstler verbessert haben. „Noch vor wenigen Jahren war die Gegenwartskunst verboten, heute genießen wir große Freiräume.” Zum Beweis zeigt sie dem Gast eine Installation zerbrochener Eier, deren Innenseiten mit kopulierenden Paaren bemalt sind. „Die Polizei forderte mich vor einiger Zeit auf, ich solle das Werk entfernen. Aber ich habe mich mit der Begründung durchgesetzt, dass die Galerie nicht von Minderjährigen betreten wird.”

Der nächste Ortswechsel. Wieder dauert die Fahrt länger als eine Stunde, der Stau wird zum natürlichen Feind eines jeden Peking-Besuchers. Durch das Autofenster betrachtet wirkt die Millionenmetropole grau und beängstigend, ein Moloch aus Beton und Stahl. Doch bei jedem Stopp überrascht die Stadt, überzeugt durch ihre Vielfalt, ihre gegensätzliche Mischung aus alter Geschichte und moderner Zukunft, rückständigen Sitten und neuem Reichtum.

Auf dem Campus der Beijing International Study University kommen wir mit Studenten ins Gespräch. Jianan (24) und Zhang Wen (21) fiebern schon jetzt dem großen Sportfest entgegen. Jianan war früher selbst Mitglied der Softball-Nationalmannschaft. „Für ganz China wird mit den Spielen ein hundertjähriger Traum wahr. Besonders für uns junge Leute bietet Olympia die Möglichkeit, Kontakte mit Ausländern zu knüpfen.” Heiß begehrt sind dementsprechend die Jobs als freiwillige Olympia- Helfer.

Um die 100 000 Stellen als unbezahlte Volunteers haben sich mehr als 500 000 junge Menschen beworben. Bereits 13 Monate vor den Spielen büffeln sie in mehreren ganztätigen Kursen für ihre Gastgeberrolle. „Wir glauben, dass es durch Olympia nur Gewinner gibt. Die Luftqualität verbessert sich, und wir freuen uns über neue Freiheiten. Aber natürlich dürfen wir längst nicht alles sagen, was wir wirklich denken.” Welche Entwicklung die Stadt nach den Spielen, besonders in politischer Hinsicht nehmen wird, bleibt deshalb auch für Jianan und Zhang Wen die große Frage.

Die letzte Station des Tages. Es ist tiefe Nacht, aber die Stadt kommt nicht zur Ruhe, nicht einmal eine Abkühlung ist zu spüren. Auf dem Dach des Kokomo Clubs in der Sanlitun Back Street feiern die Expats, die ausländischen Gastarbeiter aus Amerika und Europa, sich selbst und ihr verrücktes Leben in der Ferne. Beliebtes Thema beim Bier ist die neue Attraktivität Pekings als Standort für Business und Lifestyle. Leif Erik Göritz, Geschäftsführer des German Centers und seit vier Jahren in der Stadt, ist längst ein Peking-Fan: „Hongkong oder Shanghai können meiner Meinung nach nicht mehr mithalten, hier bei uns geht es gerade so richtig ab. Peking ist mit Sicherheit einer der spannendsten Orte der Welt.”

Die Rückreise steht an. Am Flughafen sind bereits eigene Linien für Olympia-Gäste eingerichtet. Der Beamte setzt seine Stempel. Wieder wird nach der Zufriedenheit mit der Behandlung gefragt. Und irgendwie hatte der Gast nach diesem Aufenthalt in Peking schon fast damit gerechnet.

(Quelle: Pascal Brückmann, Reise Journal der WAZ Mediengruppe, 7.Juni 2007)

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