Kunst, Kommerz und Kommunismus

Garten des Meisters der Netze
Garten des Meisters der Netze

Im Dorf Songzhuang leben einige der bekanntesten Künstler Chinas. Sie testen in ihren Werken die Grenzen dessen aus, was die Regierung erlaubt / Von Cornelia Wolter

In Guolei Yuans Atelier ist es dunkler, als man es vom Arbeitsraum eines Künstlers erwarten würde. Doch genauso chaotisch: überall liegen Pinsel, Farbtuben, stehen Bilder herum – auf einem ist der Künstler zusammen mit Jesus und Mao Zedong zu sehen. „Die Regierung mag mich zwar nicht. Ich kann aber unbehelligt arbeiten, denn einige meiner Freunde sind Funktionäre“, sagt Guolei. Das klingt widersprüchlich, ist aber keineswegs ungewöhnlich in dem kommunistischen Wirtschaftswunderland China.

Guolei deutet auf ein Bild mit dem Titel „Die Redefreiheit betreffend“: Zu sehen sind zwei riesige Mikrofone, die auf einen kleinen Embryo gerichtet sind. Der groß gewachsene Maler wischt sich die Hände an seiner farbverschmierten Jeans ab und sagt: „In China habe ich Ausstellungsverbot, in den USA  uch.“ Es klingt fast ein wenig stolz. Im letzen Jahr wurden seine Bilder noch in den Vereinigten Staaten gezeigt. Dem nackten Mann musste er für die Ausstellung allerdings auf einem seiner Bilder eine Unterhose malen.

Der Maler lebt seit zehn Jahren in Songzhuang, genau wie mehr als 2 000 andere Künstler. Die Gemeinde liegt 40 Kilometer außerhalb  ekingsund besteht aus 47 Dörfern – in 20 davon leben Künstler. Schon 1993 gab es in Peking nahe dem Kaiserlichen Sommerpalast eine ähnliche Künstlerkommune. Als der Platz dort nicht mehr ausreichte, entschieden sich die Kreativen für Songzhuang. Einige wohnen hier, andere kommen nur zum Arbeiten her. Es ist ruhig auf dem Land, die Luft viel besser, die Mieten sind erschwinglich. Seit die Künstler hier sind und die Gemeinde populär wurde, steigen allerdings die Preise: Für ein kleines Haus zahlen Bewohner 1 500 Yuan Miete (etwa 150 Euro) – das ist zwar viel  eniger als in Peking, aber zehn Mal so viel wie noch vor zehn Jahren in Songzhuang.

Großer Erfolg auf dem Kunstmarkt

Moderne chinesische Kunst ist seit etwa 15 Jahren international erfolgreich. Bis Ende der 1980er Jahre hatte die  kommunistische Regierung die Zügel in Sachen künstlerischer Freiheit etwas gelockert. Das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz im Jahr 1989 bedeutete einen herben Rückschlag.

Allerdings gab es Anfang der 1990er Jahre bereits so viele Künstler, dass kaum noch alle zu kontrollieren waren, sagt Andreas Schmid, ein Berliner Experte für moderne chinesische Kunst. Er war einer der ersten, der 1993 Bilder von chinesischen Malern nach Europa brachte und Ausstellungen organisierte. „Die Zahl der Künstler explodierte seit Ende der 1990er Jahre regelrecht“, sagt Schmid. Den großen Erfolg der chinesischen Werke auf dem Kunstmarkt erklärt Schmid unter anderem mit der guten  Ausbildung der Chinesen und deren Fähigkeit, klug und schnell äußere Einflüsse kreativ zu adaptieren. Ma Yanling gehört zu einer Gruppe von 30 Künstlern, die von Li Xian Ting, einem der einflussreichsten Kunstkritiker Chinas und dem wichtigsten Förderer der chinesischen Avantgardekunst in den 1990er Jahren, ausgewählt wurden, mit ihm zusammen in einer besseren Gegend Songzhuangs zu leben. Hier wurde ein See angelegt, Bäume und Büsche gepflanzt, damit sich die Kreativen auch wohl fühlen.

Ma und ihr Mann haben das geräumige Haus, in dem sie wohnen, selbst gebaut. Die Malerin sitzt vor einem mit Mosaiken verzierten Ofen, wirkt lässig und anmutig zugleich. Sie trägt  Turnschuhe zu einem traditionellen Oberteil, ihre Kunst bezeichnet sie selbst als modern. Eine Galerie in New York und zwei in China verkaufen ihre Bilder. Sie hat eine besondere Maltechnik entwickelt: Geht man dichter an ihre Kunstwerke heran, wird eine Art Gitter erkennbar, mit dem die Bilder überzogen sind. Diese malt Ma nachträglich über ihre Werke. In der Größe 65 mal 85 Zentimenter kostet ein solches Bild 20 000 Yuan (knapp 2 000 Euro) – etwa so viel, wie ein einfacher Arbeiter in einem Jahr verdient. Eines der Werke im Atelier zeigt Ma, wie sie auf dem Tian’anmen-Platz steht im Hintergrund das Bild Mao Zedongs – und sich einen Revolver an die Schläfe hält. Welche politische Aussage sie  damit treffen wollte? Sie wird ein wenig verlegen und sagt schließlich, über Politik wolle sie nicht reden.

Nicht immer zeugt provokante Kunst von einer dezidierten politischen Meinung. „Einige chinesische Künstler schielen regelrecht auf den Markt“, sagt Schmid. Bilder, auf denen etwa Mao Zedong zu sehen ist im Kontext mit Gewalt oder Pornografie, sind gerade in den USA äußerst beliebt. Weil US Amerikaner sie politisch deuten, als Kritik am Kommunismus. Die Regierung erkannte erst spät, nämlich im Jahr 2000, wie gut sich chinesische Kunst im Westen verkauft. Sie lockerte die Bestimmungen und unterstützt seitdem manche Gegenwartskünstler auch international. Vor allem kassiert sie aber kräftig Steuern für jedes Kunstwerk, das China verlässt.

Dennoch ist es für Kreative noch immer eine Gratwanderung,  ich systemkritisch zu äußern. Gerade bei großen und repräsentativen Ausstellungen im In- und Ausland schaut die Regierung sehr genau hin und zensiert auch schon mal Arbeiten. Wie lukrativ chinesische Kunst sein kann, zeigt auch das neu gebaute und hochwertig gestaltete „Sunshine International Museum“ . Es ist die größte Galerie Songzhuangs. Auf 20 000 Quadratmetern werden vor allem chinesische Künstler ausgestellt. Auf der Suche nach wertvollen Stücken kommen sowohl chinesische Kunstsammler als auch europäische Touristen. Für Kurator Li Guanming bildet Songzhuang das Zentrum der Kunst in Peking.

Diesen Titel beansprucht auch die 798 Art Zone, gelegen am nordöstlichen Stadtrand Pekings, für sich. In der ehemaligen Industrieanlage für Militärtechnik haben sich Galerien, Studios und Künstler mit ihren Ateliers angesiedelt. 798 Art Zone gehörte einst zu dem Industriekomplex 718, der von einem DDR-Architekten im Bauhausstil entworfen und mithilfe einer Baufirma aus Dessau in den 1950er Jahren errichtet worden war. Als Peking größer wurde, verlagerte die Regierung die Produktion woandershin. Und Mitte der 1990er Jahre ließen sich dann Künstler in den preiswerten Gebäuden nieder. Ihnen boten der nüchterne Baustil, die hohen Räume und großen Fenster optimale Bedingungen zum Arbeiten und Ausstellen.Aus der einst verlassenen Fabrikanlage ist heute ein schicker Komplex mit kleinen Shops, gut besuchten Cafés im westlichen Stil und exklusiven Galerien geworden. Besucher aus aller Welt schauen sich hier um. Nur wenige der Künstler, die vor 15 Jahren als erste nach 798 gezogen waren, können es sich heute noch leisten, dort zu leben. Denn die Mieten sind mittlerweile um das Neun- bis Zehnfache gestiegen. Einige, die 798 deshalb verlassen mussten, leben nun im Künstlerdorf Songzhuang. Auch ohne politische Anspielung Afang Li Xiufang zum Beispiel. Sie hat ihr Haus von einem Bauern gemietet. Afang fertigt Lampen. Das Stahlgerüst dafür biegt sie selbst zurecht und bespannt es mit Leinenstoff, den sie mit den Samen eines Baumes beklebt, der aus ihrer Heimat im Südwesten Chinas stammt. Die Samen sollen an eingeschlossene Schmetterlinge erinnern und geben der Lampe ihren Namen. Zwei Wochen braucht die Künstlerin für eine so genannte Butterfly Lamp. Die gefälligen Objekte sind im Gegensatz zu den Werken vieler anderer Künstler in Songzhuang ganz ohne politische Anspielung. Sie verkauft die dekorativen Lampen vor allem innerhalb Chinas, an Arztpraxen etwa. Das Stück für 8 000 Yuan. Afang kann gut davon leben.

von Cornelia Wolter ( Frankfurter Rundschau, Nr. 235, 10/11. 10.2009 | Raufeld Medien)

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