Reportage

Tourtagebuch Ulrike Löhrl: Tibetbahn, Lanzhou, Peking

26. August 2010 veröffentlicht von Jan Kammann
Höhenmesser im Zug auf dem Tanggula-Pass

Höhenmesser im Zug auf dem Tanggula-Pass

Die Schlussetappe ihrer Tibet Reise ‚Dach der Welt, Land der Götter’ führt Ulrike Löhrl mit der Tibetbahn über Lanzhou nach Peking – ein emotionaler Abschluss der Superlative.

Der Himmel weinte, als wir Lhasa verließen. Und das nicht zu knapp, es goss in Strömen. Unter freien Himmel warteten wir trotz des Regens geduldig auf die Sicherheitskontrollen, waren nach der Abfertigung allerdings klatschnass.

Im Zug herrschte dann erst einmal das übliche aufgeregte Treiben: Abteil finden, Gepäck verstauen, Bett beziehen – dann raus aus den nassen Klamotten und Frisuren in Ordnung bringen. In einer großen Teetrinkernation ist heißes Wasser in jedem Abteil natürlich obligatorisch. Das Aufwärmprogramm konnte also gestartet werden.

Pünktlich um 7.45 Uhr rollte der Zug, der uns in 26 Stunden den ganzen Weg über das tibetische Hochplateau bis hinunter nach Lanzhou in der Provinz Gansu bringen sollte, aus dem Bahnhof. Gleich nach Verlassen der Stadt glitt ein grandioses Panorama an uns vorbei: schneebedeckte Berge, kleine Siedlungen, Yak-Herden und ein Wildesel. Sogar Füchse und Murmeltieren waren zu sehen.

Die Strecke gleicht einer Ansammlung von Rekorden. Auf ihr befindet sich der höchste Tunnel der Welt (4.905 m über NN), 960 km zusammenhängende Trasse auf über 4.000 m Höhe und insgesamt 550 km Streckenverlauf über Permafrostböden. Selbstverständlich liegt auch der höchstgelegene Bahnhof hier oben auf dem Hochplateau: Auf 5.068 m hält der Zug in Tanggula. So etwas gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. Um das Reisen angenehmer zu machen, wird bis Golmud die Luft in den Waggons zusätzlich mit Sauerstoff angereichert. Der Gehalt wird den auf 1.000 – 2.000 m Höhe herrschenden Verhältnissen angepasst.

Unsere Befürchtungen, dass die Versorgung unterwegs nicht ausreichend ist, erweisen sich als falsch. In den Speisewagen gab es reichlich und gut zu essen. Einige von uns verfeinerten die Speisen durch mitgebrachte ‚1000-jährige’ Eier. Die sind vielleicht nicht jedermanns Sache, ich aber finde sie lecker. Alle anderen Vorräte haben wir natürlich auch nicht umsonst angelegt – zwischen den Mahlzeiten findet sich schließlich ausreichend Zeit für kleine Snacks.

Auch sonst ist der Zug sehr reisefreundlich eingerichtet – besonders weil wir in der 1. Klasse reisten. Je nach Gusto können die Passagiere sich die Zeit mit Lesen, Dösen oder gar Filmeschauen vertreiben. Jedes Bett ist mit einem eigenen Bildschirm ausgestattet. Der spannendste Zeitvertreib ist aber zweifellos die Fotowache am Fenster, an denen die grandiose Landschaft Tibets vorbeizieht.

Der Platz in unserem Abteil reichte sogar für eine spontane Fete aus. Nach dem Abendessen fanden 14 Personen darin und davor Platz, um den ‚Gipfeltrunk’ einzunehmen. Zwei kleine Flaschen chinesischer Schnaps machten die Runde und waren bald geleert. Der Schnaps ist allerdings NICHT der Grund für unser morgendliches Verschlafen – man hatte schlicht vergessen, uns zu wecken.

Ein längerer Stopp wurde am diesem Abend ‘zum Ausnüchtern’ um 21.30 Uhr in Golmud eingelegt. Hier trieb es die Passagiere auf den Bahnsteig. Gymnastische Übungen, Plaudern, Rauchen und Mitreisende-Gucken war angesagt. Besonders interessant, weil ein hochrangiger Politiker mit Bodyguard-Entourage mitfuhr.

Mittlerweile waren wir also auf dem besten Weg hinunter vom tibetischen Hochplateau. Lanzhou erreichten wir dann tatsächlich nach ca. 26 Stunden Fahrzeit. Für uns nur eine Übergangsstation. Nach einer kurzen Besichtigung der ersten Eisenbrücke Chinas, die über den Gelben Fluss führt und 1907 von einer deutschen Firma erbaut wurde, ging es direkt weiter zum Flughafen. Hier startete unser (etwas zu) turbulenter Flug nach Peking.

Nach der Ankunft merkten wir deutlich, das Gewicht der schweren Luftsäule in der Ebene auf unseren Schultern. Tibet hatte uns zu Höhenmenschen gemacht.

Es folgte die letzte Nacht in China. Wehmut kam schon jetzt auf, aber die Aussicht auf die letzten Shoppingtermine und Besichtigungen versüßten uns die Nacht.

Am Abend des letzten Tages folgte nach einem obligatorischen Pekingente-Essen eine kurze aber umso herzlichere Verabschiedung von unserem Reiseleiter Zhu Kai am Flughafen. Nach einem 10-stündigen und erneut sehr turbulenten Nachtflug landeten wir in Frankfurt.  Am Gepäckband  löste sich die Reisegemeinschaft auf.

Alles ging am Ende sehr schnell und Tibet scheint wieder so weit weg. Diese Reise hat mich tief beeindruckt und ich hoffe, ich werde irgendwann einmal zurückkehren. Ein bisschen Tibet trage ich aber nun auch zuhause immer mit mir rum – ein kleines Refugium, das mir niemand nehmen kann. Ein Ort voller Ruhe, endloser Natur und freundlichen Menschen.

Hier schließe ich nun (leider) mein Reisetagebuch und danke allen für die Aufmerksamkeit.

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