Reportage

Das Tor zum Jenseits

02. Dezember 2010 veröffentlicht von Francoise Hauser
Geister haben keinen Zutritt im Shanghaier Longhua-Tempel

Geister haben keinen Zutritt im Shanghaier Longhua-Tempel

Sie lungern an Tempeleingängen herum, belästigen Autofahrer und vergeigen dem einen oder anderen unglücklichen Studenten die Prüfung. Geister sind im chinesischen Volksglauben allgegenwärtig – und mächtig!

Opa Mangs Lieblingsspeise, scharfes Sichuan-Schweinefleisch, gehört bei Familie Liu an hohen Feiertag unbedingt auf den Tisch. Und ein Gedeck für den Lieblingsopa sowieso. Spannende Gespräche kann Mang allerdings nicht bestreiten: Er ist seit gut fünf Jahren tot. Und so bleibt, inmitten der lärmenden Familienparty, ein Platz am Tisch leer. Was für uns Westler ein höchst unangenehmer Quell des Unbehagens – wer wollte schließlich an den Tod erinnert werden? – ist in China keinesfalls unüblich. Tote sind zwar unbestreitbar physisch abwesend, aber trotzdem ein Teil der Realität. Als Geister können sie zwischen Jenseits und Diesseits wechseln, den lebenden Familiemitgliedern helfen und dürfen daher selbstverständlich an wichtigen Feiern teilnehmen. Ein wenig Respekt ist natürlich auch dabei, denn wer wollte es sich mit den mächtigen Ahnen verscherzen?

Taschengeld aus dem Diesseits

Der Übergang zwischen gut und böse ist ohnehin fließend. Ein gewaltsames Ende zum Beispiel oder offene Fehden zum Todeszeitpunkt können einen freundlichen und charmanten Menschen blitzschnell in einen Dämon verwandeln, der mit dem Diesseits zwanghaft verbunden bleibt. Erst wenn er selbst ein lebendes Opfer auf dieselbe Art in den Tod getrieben hat, findet er Ruhe und kann sich endgültig ins Jenseits zurückziehen. In ländlichen Gegenden müssen Unfallopfer deshalb mitunter etwas länger auf Hilfe warten: Ganz offensichtlich ist hier ein Dämon im Spiel, der sich nun ein neues Opfer suchen muss. Aus demselben Grund sind auch Autogurte und Motorradhelme höchst unbeliebt: Durch diese Gegenstände werden die Geister erst recht auf den Plan gerufen, denn insgeheim rechnet der Träger mit einem Unfall.

Ansonsten geht es auch in der Welt der Geister recht menschlich zu: Egal ob Kühlschrank, Auto, Mikrowelle oder Couchtisch, auch im Jenseits wissen die Ahnen einen gewissen Luxus zu schätzen. Doch wie sendet man die Präsente in die Geisterwelt? Per Feuer natürlich. Gut dass die meisten Gegenstände nur schwer brennen, und so beschränkt man sich in der Regel auf symbolische Papierimitate. Besonders im traditionellen Hong Kong und Taiwan gibt es zahlreiche Spezialläden für Toten-Bedarf, die praktisch jeden noch so abwegigen Gegenstand aus Papier anbieten. Ansonsten tut es auch ein regelmäßiges Taschengeld – „Totengeld“, ausgestellt auf die „Hell Bank“ und selbstverständlich in US-Dollar, denen man auch im Jenseits die beste Kaufkraft zutraut.

Die Sinologin Francoise Hauser berichtet als Journalistin und Buchautorin für verschiedene Medien aus Ostasien.

Die Sinologin Francoise Hauser berichtet als Journalistin und Buchautorin für verschiedene Medien aus Ostasien.

Taschengeld für die Vorfahren

In fast jedem Haushalt ist den Ahnen eine kleine Altar-Ecke reserviert: Hier werden immer wieder Nahrungsmittel und Räucherstäbchen dargebracht und ihrer gedacht. Problematisch ist, besonders in Zeiten der Ein-Kind-Ehe, dass es eines männlichen Nachfahren Bedarf, um diese Handlungen vorzunehmen. Fehlt der Sohn beziehungsweise Enkel oder kümmert er sich nicht ordentlich um seine Vorfahren, versiegt auch der Nachschub ins Jenseits. Geister, die aus diesem Grunde hungrig bleiben, verwandeln sich ebenfalls schnell in übellaunige Gesellen, die fortan die Lebenden verfolgen.

Egal ob wohl gesonnen oder dämonisch, in China, Hong Kong, Macao oder Taiwan wimmelt es auf den Straßen regelrecht vor unsichtbaren Zeitgenossen. Besonders gern lungern sie in der Nähe von Tempeln herum, die deshalb sorgfältig gegen Geister geschützt werden müssen: Eine „Geistermauer“ in Form einer zum Eingang parallelen Mauer verwehrt ihnen den Zugang. Um den Tempel zu betreten, muss der Besucher nun einmal um die Ecke laufen – und genau das können Geister nicht! Nach demselben Prinzip funktionieren auch die Zickzack-Brücken, deren verspieltes Design nicht auf Kreativität des Architekten schließen lässt, sondern auf einer ordentliche Portion Geister-Respekt. Aus diesem Grund möchte in China auch niemand am Ende einer Sackgasse wohnen – hier müssen die Besucher aus dem Jenseits ganz zwangsläufig einkehren

Extra hohe Türschwelle stellen eine weitere Hürde dar: Dämonen können prinzipiell ihre Füße nicht anheben und müssen dort zwangsläufig umkehren. Auf dem Dach erledigen allerhand Glückverheißende Tiere den Job der Geisterabwehr: Ab den Dachfirst sitzend schlagen Drachen, Phönix und andere Fabelwesen alle Besucher aus dem Jenseits in die Flucht.

Mao und die Geister

Wer sich architektonisch nicht zu schützen vermag, dem bleibt der Besuch eines „Glücksshops“: Hier dominiert die Farbe rot, die Geister ganz besonders verabscheuen. Türbilder mit diversen Göttern, Glück-verheißende Zeichen wie „langes Leben“, „Glück“, oder „Reichtum“. Besonders in der Nähe der Tür angebracht, sorgen sie dafür, dass Geister wieder umkehren. Für Autofahrer biete sich eher die kleinere Variante an: Kunstvolle Knoten aus roten Bändern mit machtvollen Bildnissen: Götter, Helden, Drachen und andere Geisterfeinde. Selbst Mao Zedong muss hier und da herhalten. Dass er an manch einem Taxi-Rückspiegel baumelt, hat weniger mit echter Verehrung seiner politischen Person zutun, als der Gewissheit, dass ein derart mächtiger Mensch auch aus dem Jenseits noch viel Einfluss haben muss.

Dies dürfte Mao auch posthum noch Bauchweh bereiten, waren doch gerade die Kommunisten der ersten Stunde ganz besonders bemüht, den Volkglauben abzuschaffen und ergo den Geisterglauben zu unterbinden. Lange Zeit waren die meisten Praktiken entweder verboten oder aber zumindest nicht gerne gesehen. Unter der atheistischen Oberfläche der Modell-Sozialisten jedoch blieb die Tradition bestehen. Mit den politischen Lockerungen der achtziger und neunziger Jahre kehrte auch der Geisterglaube wieder ganz offiziell zurück. Dass die renommierten Wahrsager heute wieder viel hochrangige Kundschaft haben, versteht sich von selbst. Sie gelten als Experten im Umgang mit dem Jenseits, sei es um mit Geistern in Kontakt zu treten, Dämonen abzuwehren, oder einfach nur einen generellen Blick in die Zukunft zu werfen. Besonders gut aber lässt sich der Geisterglaube und die Wahrsagerein in Taiwan und Hong Kong oder in den chinesischen Vierteln Singapurs beobachten: Hier war er nie diskreditiert, und so gelten heute noch die Regeln im Umgang mit der transzendentalen Verwandtschaft wie eh und je.

Wenn sich die Tore öffnen

An einem Tag im Jahr lässt sich Geisterkontakt auf keinen Fall verhindern. Zhongyuan, das Fest der Toten am ersten Tag des siebten Monats wird mit einem gewissen Unbehagen begangen. Dann nämlich öffnen sich die Tore zum Jenseits, ihre Bewohner dürfen sich einen Tag lang ganz offiziell auf Erden amüsieren. Überall auf den Straßen (vor allem in Taiwan) werden deshalb Snacks angeboten, ja Teils sogar üppige Menüs, denn die transzendentalen Gäste sollen ihren Spaß haben. Amüsement und Völlerei für die jenseitigen Besucher gelten als Garant für einen reibungslosen Ablauf des gefürchteten Tages, und so werden hier und da sogar kleine Opernstücke auf der Straße inszeniert um die Geister bei Laune zu halten. Bei allen Vorkehrzungen, ganz geheuer ist den Chinesen dieser Tag jedenfalls nicht. Wichtige Ereignisse wie Hochzeiten oder Umzüge werden deshalb vorsichtshalber auf einen anderen Termin gelegt. Für Opa Mang indes ist dieser Tag eher unwichtig: als definitiv wohl versorgter und wohlwollender Geist ist er ohnehin immer an der Familientafel willkommen.

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