Wuhan: Stadt der Vergangenheit und Gegenwart

Wuhan 武汉 ist die Hauptstadt der chinesischen Provinz Hubei 湖北 und zählt mit 10,6 Millionen Menschen die meisten Einwohner in Zentralchina. Die Stadt liegt an der Kreuzung des Yangtze-Flusses 长江 und Han-Flusses 汉江, was das umliegende Jianghan-Flachland 江汉平原 besonders fruchtbar macht. Sie gilt als Zentrum für Politik, Wirtschaft, Finanzen, Kultur, Bildung und das Transportwesen Zentralchinas und wurde aus den ehemaligen Städten Wuchang 武昌, Hankou 汉口 und Hanyang 汉阳 zusammengelegt. Das lokale Transportsystem ist besonders ausgeprägt und mitunter ein Grund, warum Ausländer die Stadt manchmal als das chinesische Chicago bezeichnen. So zeichnen zahlreiche Eisenbahnschienen, Straßen und Schnellstraßen das Stadtbild und ermöglichen Direktverbindungen zu allen anderen chinesischen Großstädten.

Silver Lake Bahnhof
Silver Lake Bahnhof

Allerdings ist Wuhan nicht nur eine Stadt der Moderne, sondern erzählt ebenfalls eine 3500 jährige Geschichte. Besucher haben die Möglichkeit eine Vielzahl von historischen Relikten und antike Gräber zu besuchen. Diese belegen unter anderem, dass Wuhan ehemals das Land des Staates Chu 楚 war und Geburtsort dieser herausragenden Zivilisation ist. Des Weiteren war das bereits angesprochene Hankou während der Qing-Dynastie 清代 eine der vier bekanntesten Städte des Landes. Denn bereits für viele Jahrhunderte war die Stadt ein Handels- und Transportzentrum.

Das Hubei Provinz-Museum

Das Hubei Provinz-Museum 湖北省博物馆 befindet sich im Wuchang-Bezirk von Wuhan. Es ist das einzige Museum seiner Art in der Hubei-Provinz und sammelt, schützt und stellt Kulturrelikte aus, die aus der Provinz stammen. Seit 1953 hat das Museum über 200.000 Kulturrelikte gesammelt. Dazu gehören Töpferwerke, Porzellan, Jade, Bronzegefäße, antike Waffen und antike Musikinstrumente. 16 dieser Instrumente hat die Regierung als Nationalschätze deklariert.

Das Museum ist insgesamt in drei Bereiche unterteilt: Die Ausstellungshalle für Glockeninstrumente, die Ausstellungshalle über die Chu-Kultur und ein allgemeines Ausstellungsgebäude.
Die Ausstellungshalle für Glockeninstrumente wiederum besteht aus zwei Räumlichkeiten: die Ausstellungshalle und die Musikhalle. Der Ausstellungsbreich präsentiert Kulturrelikte aus einem Yi-Grab, das dem König des Zeng-Staates während der Zeit der Streitenden Reiche gehörte. Darunter befanden sich antike Hellebarden, dreieckig geformte Schwerter und Schreibwerkzeuge aus Bambus. Das Prachtstück der Ausstellung ist ein riesiges Glockeninstrument, das das größte je ausgegrabene bronzene Musikinstrument ist. Es umfasst einen Satz mit Glocken unterschiedlicher Größe und ist in der Lage, eine breite Variation an Tönen zu spielen. Auf der Oberfläche der Glocken finden Besucher knapp 3000 chinesische Schriftzeichen, die die Musik und die Besitzer des Instruments beschreiben. In der Musikhalle finden täglich zwei Vorstellungen statt, bei denen Musiker auf einer Nachbildung des Glockeninstruments spielen.

Hubei Provinzmuseum
Hubei Provinzmuseum

Die Ausstellungshalle über die Kultur der Chu zeigt hauptsächlich Bronzegefäße, Lackarbeiten, Bambus- und Holzartefakte wie auch handgemachte Seidenstickereien. Besucher können sich auch antike Waffen ansehen, die im Staate Chu verwendet wurden. Darunter befinden sich das Schwert von Gou Jian 越王勾践剑, dem König des Staates Yue 越 während der Frühlings und Herbstperiode 春秋, und der Speer von Fu Chai 吳王夫差矛, dem König des Staates Wu zur selben Zeit. Im Jahr 2002 haben Archäologen Teile von Pferdewagen gefunden, die ebenfalls der Staat Chu benutzte. Diese stellt das Museum nach vorsichtiger Restauration heute ebenfalls aus.

Die gelbe Kranichpagode

Auf dem Schlangenberg 蛇山 befindet sich die sogenannte gelbe Kranichpagode 黄鹤楼, um die eine Legende kursiert. Der Legende zufolge baute die Familie eines Tavernenbesitzers die Pagode. Eines Tages erschien ein in Lumpen gekleideter daoistischer Priester und fragte nach etwas Wein. Der Besitzer beachtete den Priester gar nicht erst, doch sein Sohn war sehr aufmerksam und schenkte ihm Wein aus. Eine Bezahlung verlangte er nicht. Daraufhin besuchte der Daoist die Taverne regelmäßig für das darauffolgende Halbjahr und bot dem Sohn an, einen Kranich auf die Hauswand zu malen. Dieser könne auf Wunsch des Jungen tanzen. Als die Bewohner der Stadt davon hörten, besuchten sie in Scharen die Taverne, um den Kranich tanzen zu sehen. Die Familie wurde dadurch natürlich sehr reich und entschied sich, die Pagode als Symbol der Dankbarkeit für den Daoisten zu bauen.

Historische Aufzeichnungen wiederum erzählen eine sachliche Entstehungsgeschichte. Sun Quan 孙权, König des Staates Wu 吴, hat die Pagode im Jahr 223 während der Zeit der drei Königreiche (220 – 280) 三国家 für seine Armee errichten lassen. Nachdem hunderte von Jahren vergangen waren, verlor die Pagode allerdings ihre militärische Bedeutung. Während der Tang-Dynastie 唐代 entstanden zahlreiche Gedichte über die gelbe Kranichpagode, die den Turm erst so bekannt machten und die Leute anlockten. Wie viele andere historische Gebäude Chinas, wurde auch die Pagode im Verlauf der Jahrhunderte mehrere Male zerstört und wieder aufgebaut. Das Gebäude ist insgesamt 51,4 Meter hoch, verfügt über fünf Etagen und 100.000 gelbe glänzende Dachziegel bedecken das Dach.

Huanghelou (Gelbe Kranich Pagode)
Huanghelou (Gelbe Kranich Pagode)

Die Villa des Vorsitzenden Mao Zedong

Für politisch-historisch orientierte Besucher dürfte die Information interessant sein, dass die Villa des ehemaligen Vorsitzenden Mao Zedong 毛泽东 in Wuhan steht. Genau genommen befindet sie sich am East Lake von Wuchang und diente als Rückzugsort für Mao und privilegierte Mitglieder der Führungsebene. In einem Brief von Mao während der Kulturrevolution 无产阶级文化革命 habe er das Haus als „Heimat der weißen Wolken und gelben Kraniche bezeichnet“. Für Ihn war es ein Ort, an dem er die umliegende ruhige Atmosphäre genießen konnte.

Das Anwesen besteht aus drei Gebäuden, dem Meiling Gebäude eins, zwei und drei. Meiling war Maos Sommervilla, in der er oft und lange residierte. In der Regel besuchte er das Anwesen bis zu drei Mal im Jahr und verweilte bis zu sechs Monaten. Für viele Besucher ist das Meiling Gebäude das wohl interessanteste. Es war Mao Zedongs private Residenz, in der er gegessen, geschlafen und sich literarisch entfaltete. Dort empfing er auch viele ausländischen Persönlichkeiten wie den amerikanischen Präsidenten Nixon und Staatssekretär Henry Kissinger im Jahr 1972.

Mao Zedong Residenz
Mao Zedong Residenz

Im zweiten Meiling Gebäude befindet sich die Versammlungshalle, die mit schweren roten Vorhängen behangen ist. In der Halle stehen hunderte Stühle mit rotem Überbezug, die in Richtung Bühne ausgerichtet sind. Besucher dürfen sich dort setzen und Fotos von sich selbst als Souvenir machen.

Im dritten Meiling Gebäude befindet sich Mao Zedongs private Schwimmhalle mit einer Länge von 30 Metern und insgesamt sechs Bahnen. Das Becken ist mit Leitern und Unterwasserlichtern ausgestattet. Das gesamte Anwesen steht der Öffentlichkeit seit 1993 offen und ist seit dem ein Tourismusmagnet für Chinesen und Ausländer gleichermaßen.

Das East Lake Areal

Der East Lake 东湖 ist die wohl größte Touristenattraktion Wuhans und der größte See innerhalb einer chinesischen Stadt. Das Areal nimmt eine Fläche von 87 km² ein, wovon 33 km² der See alleine beansprucht. Er entspricht damit der fünffachen Größe des West Lake in Hangzhou. Entlang des Sees finden Touristen viele interessante Sehenswürdigkeiten. Zu ihnen gehören das Provinzmuseum von Hubei, die Chu-Festung und der botanische Garten von Wuhan.

Ein besonderes Merkmal der wunderschönen Landschaft ist die prächtige Flora und Fauna, die einzigartigen Gärten und die Merkmale des vergangenen Staates Chu. Besucher können sich ebenfalls in einem Themenpark austoben, der die Charakteristika der Chu behandelt. Des Weiteren warten 13 sehr gut gepflegte Gärten auf die Besucher, die sich in einer Vielfalt von Blumen ausruhen können. Während im Frühling die Kirschblüte und Orchidee vorherrschend sind, blühen im Sommer der Lotus, im Herbst die Osmanthus und im Winter die Pflaume.

Donghu (East Lake)
Donghu (East Lake)

Das Nachtleben von Wuhan

Wie in vielen chinesischen Großstädten hat auch das Nachtleben in Wuhan einiges zu bieten. Besonders die Ji Qing Jie 吉庆街 ist ein beliebtes Ziel, wenn sich die Straßen gegen neun Uhr abends erneut mit Leben füllen. Es heißt, dass Peking die meisten und Shanghai die anmutigsten Bars in China habe. Doch nur in Wuhan gibt es Bars, die sich durch einen einzigartigen Charakter auszeichnen. So finden sich viele Bewohner nach der Arbeit mit Freunden zusammen, um den Arbeitsalltag in diesen Bars ausklingen zu lassen. Allgemein kann man die Lokalitäten in drei Kategorien unterteilen. Die erste Kategorie umfasst die Bars mit dem größten Zulauf. Dort treten Tanzgruppen auf und Rockbands spielen zu Gitarrenriffs. Aber auch die Karaoke-Etablissements sind stark vertreten, die mitunter Würfel- und Dartspiel anbieten. Eine bekannte Location ist die Xinhua Lu 新华路 und Taibei Lu 台北路.

Die zweite Kategorie umfasst die sogenannten „White Collar Bars“, in denen sich gebildete Arbeitnehmer, Hotelgäste, Ausländer und Businessmänner treffen. Lokalbesitzer achten auf eine künstlerisch angehauchte Dekoration ihrer Räumlichkeiten, um dem Anspruch ihrer Klientel gerecht zu werden. Auch die angebotenen Musikstile heben sich von den beliebten und vielleicht lärmenden Diskotheken ab. So bedienen geschmeidige Klänge aus den Richtungen Jazz, Blues, und Lateinamerikanischer Musik die Ohren der Gäste. Nicht selten kommt  es vor, dass die Angestellten Kostüme zur Happy Hour tragen, die sich an dem jeweiligen Thema des Abends orientieren.

Food Street Jiqing
Food Street Jiqing

Die dritte und letzte Kategorie bezieht sich auf Studentenbars. Diese bieten aktuelle Popmusik und Möglichkeiten zum Karaokebesuch an. Des Weiteren werden Flaschenbier, Softdrinks und Cocktails zu günstigeren Preisen angeboten.  Also ideale Treffpunkte für Studenten mit einem schmaleren Geldbeutel.

Für Sie schreibt: Patrick Müsker

Sinologe M.A., Übersetzer,
Interkulturelle Beratung,
Delegationsbetreuung, Blog-Redakteur

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