Shanghai

Für die Einen ist Shanghai das Tor zum Westen und für die Anderen der Eintritt nach China. Anderen wiederum fehlt in Shanghai das chinesische Flair und eine weitere Gruppe genießt gerade den Kontrast zwischen Ost und West, der in Shanghai, wie in keiner anderen Stadt in China so prominent kulminiert. Shanghai ist eine Stadt die fasziniert – mich zumindest – und so gehört die Stadt im Osten Chinas zu meinen absoluten Lieblingsorten im Reich der Mitte.

Ich finde es schade, dass Shanghai oft nur auf die Skyline gegenüber der Prachtpromenade am Ufer des Huangpu Fluss – der Bund – reduziert wird. Shanghai ist mehr als nur moderne und futuristisch anmutende Hochhäuser, quirlige Shoppingstraßen und einem gigantischen U-Bahn-Netz. Steht Beijing in seiner langen Tradition sinnbildlich für die chinesische Kaiserzeit, so ist Shanghai doch, wie keine andere Stadt, Symbol des neuen Chinas. Ein China, das nicht in der kaiserlichen Tradition verharrte, sondern ein China, welches in vielerlei Hinsicht nach vorne schaut: Sie wollen Wachstum, sie wollen Wohlstand und sie wollen Moderne. Und genau, wie der chinesische Wirtschaftsboom in keinen 40 Jahren das schaffte, wofür andere Nationen ein Jahrhundert brauchten, so ist auch Shanghai eine pulsierende Stadt auf der Überholspur.

Shanghai – Ort des Umbruchs

Höchste Zeit, auch mal hinter die moderne Fassade Shanghais zu schauen. Shanghai ist die Stadt der chinesischen Arbeiterschaft und Zeugnis der Umbruchzeit nach dem Ende der letzten Kaiserdynastie. Als im 19. Jahrhundert Ausländer in Scharen nach China kamen, legten sie zunächst in Shanghai an. Die Geschichte Shanghais ist also nicht von ausländischen Einflüssen zu lösen. Durch die Vormachtstellung vieler Kolonialmächte in Shanghai war es auch vielen chinesischen Intellektuellen möglich, sich, in Sicherheit wiegend, kritisch einzubringen und den gesellschaftlichen Diskurs maßgeblich zu beeinflussen. Aber genug zur Bedeutung und Historie Shanghais. Widmen wir uns nun dem Shanghai im hier und jetzt.

Reiseführer gibt es über Shanghai wie Sand am Meer. Da hat es keinen Sinn, wenn ich hier die gängigen Sehenswürdigkeiten noch einmal durchkaue. Deshalb möchte ich ein paar meiner Lieblingsorte in Shanghai beschreiben, die man in den meisten Reiseführern nicht findet oder nur am Rande.

Der Osten ist rot – Propaganda in China

Versteckt im Keller eines Wohnkomplexes liegt das Shanghai Propaganda Poster Art Centre 上海宣传画艺术中心. Eine kleine Perle der jüngeren chinesischen Geschichte. Als Hobby angefangen, sammelte der Direktor dieses kleinen privaten Museums über die Jahre hinweg eine Vielzahl an Propagandaplakaten. Die Sammlung umfasst Poster aus dem Gründungsjahr der Volksrepublik China 1949 bis zum Beginn des Reformprozesses am Anfang der 1980 Jahre.

Propagandaposter Foto: Frederik Schmitz

Hier passt das Sprichwort klein aber fein. Ein absoluter Lieblingsort. Beim ersten Besuch musste ich aber etwas suchen. Am besten mit dem Taxi vor den Wohnkomplex fahren. Die freundlichen Wärter am Beginn des Wohnkomplexes weisen die fragenden Touristen – so wie auch mich beim ersten Besuch – schon in die richtige Richtung. Spätestens, wenn man ihnen den chinesischen Namen des Museums zeigt.

Adresse: 上海华山路868号BOC室 Taxifahrer können mit solchen Angaben allerdings wenig anfangen. Sie mögen lieber Kreuzungen: 华山路 Ecke 长乐路 (华山路口长乐路)

Ein Bier für 50 RMB

Klingt teuer, ist aber für den Bund ein fast günstiger Preis und genau deswegen befinden wir uns auch nicht in vorderster Reihe am Huangpu Fluss, sondern in einer Nebenstraße. Genau genommen in der No. 37 Fuzhou Rd. Auf der Dachterrasse des Captain Youth Hostels können auch auswärtige Gäste einen wunderbaren Blick auf die Skyline erhaschen und bei einem kühlen Bier den Abend ausklingen lassen. Eine wirklich gute Alternative, denn ich kenne die Preise der vielen high-class-Bars direkt an der Promenade…

Zwischen Insekten und Jiaozi

Und da gibt es dann doch etwas, was im westlich und modern anmutenden Shanghai den Ein oder Anderen zunächst bizarr erscheinen könnte. Unweit der Metro Station Laoximen (老西门) besuche ich gerne einen ganz besonderen Markt. Am besten an Exit 1 die Station verlassen und der South Xizang Rd. (西藏南路) mit der Kreuzung im Rücken folgen. Hier gibt es weder Gemüse noch Haushaltsgegenstände, sondern man beschränkt sich auf das scheinbar Wesentliche: Vögel und Insekten. Vornehmlich Grillen und Heuschrecken.

Insektenmarkt Foto: Frederik Schmitz

Das Zirpen der Grille – altbekanntes Glückssymbol – erfreut nicht nur den chinesischen Taxifahrer, der sie gerne in kleinen Käfigen mit sich führt. Hier können die schönsten Exemplare geshoppt werden und direkt daneben lassen Senioren ihre Heuschrecken gegeneinander kämpfen. Mitten drin ich, der sich die Finger wund knipst über die Skurrilität des Marktes.

Vor lauter Knipsen macht sich der Hunger bemerkbar – aber nicht auf Insekten. Die kann man zwar auch in Shanghai essen, aber dazu vielleicht an anderer Stelle mehr. Ich werde im restlichen Verlauf meines Lebens wohl darauf verzichten. Ich lasse also die Vögel und Insekten – ob zirpend oder gegeneinander kämpfend – getrost hinter mir, verlasse den Innenhof und mache mich wieder auf in Richtung Metro. Biege aber direkt wieder links ab und komme auf die Fangbang West Rd. (方浜西路). Auf der rechten Straßenseite befindet sich – ich hoffe zumindest, den Laden gibt es noch – ein kleiner Jiaozi-Imbiss. Draußen werden die chinesischen Teigtaschen geformt und in dem etwas heruntergekommenen Innenraum wird gespeist. Davon bitte nicht abschrecken lassen, denn die Jiaozi sind echt gut.

Ab jetzt gebe ich keinen Tipp mehr. Einfach der Straße folgen, immer weiter folgen und in den Markthallen und an den Straßenständen das chinesische Alltagsleben genießen. Und mit etwas Glück wird irgendwo auch Lachs getrocknet.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Jetzt noch etwas für die Kunstliebhaber.

M50. Ein Gemälde des Künstlers Deng Xiao Foto: Frederik Schmitz

Zeitgenössische chinesische Kunst ist den meisten bei uns noch ein Fremdwort, aber sie ist nicht zu verachten. Gerade für Kunstsammler/innen werden junge chinesische Künstler/innen immer interessanter, da sie noch nicht so hochpreisig, aber doch vielversprechend sind. Der Hotspot für chinesische Kunst liegt mit dem Kunstviertel 798 natürlich in Beijing. Aber auch die etwas kleinere Version in Shanghai muss sich nicht verstecken: das M50. Ich bin immer wieder verwundert, wie wach so mancher chinesischer Künstler ist und sich auch gekonnt mit der jüngeren Vergangenheit Chinas auseinandersetzt.

M50 steht für die Adresse. Das ganze findet sich in der No. 50 Moganshan Rd. (莫干山路50号)

Shanghai ist mehr als nur das verwestlichte China. Vielmehr ist es eine pulsierende Stadt die zeigt, wohin sich China bis heute entwickelt hat und wo es auch in der Zukunft noch hin will. Man sollte nicht den Fehler machen und es als Konkurrenz zur Hauptstadt Beijing sehen. Sie ergänzen sich eher als dass man sich zwischen beiden Städten entscheiden muss: denn das kann schon einmal zur Grundsatzfrage führen – Shanghai oder Beijing? Man sollte nach China nicht nur reisen, um die alte chinesische Kultur kennenzulernen, sondern auch ein Blick in das China der Zukunft ist eine Reise wert.

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

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