Die Chinesische Mauer

Man kann sie zwar nicht aus dem All sehen, aber das tut der Chinesischen Mauer keinen Abbruch. Auch chinesische Schulbücher haben sich dieser Tatsache inzwischen angenommen und entsprechende Hinweise verschwinden allmählich. Aber sie steht für China wie kein anderes Wahrzeichen und jedes Jahr wird die Mauer von zahlreichen Touristen besichtigt. Mit ein paar Tipps und Tricks kann man den Massen jedoch entkommen und einzigartige Momente genießen. Vielleicht schafft man es sogar, die Mauer für sich allein zu haben.

Bin ich nun schon über zehn Mal auf der Mauer gewesen, übt sie dennoch die gleiche Faszination auf mich aus, wie beim ersten Mal. Natürlich fing auch meine Mauer-Karriere auf dem Abschnitt Badaling an. Nach wie vor werden die meisten Touristenbusse dort hingeschickt. Wer aber einmal andere Abschnitte der Mauer besichtigt hat wird schnell merken, dass die Mauer nicht immer überfüllt sein muss. Bevor ich aber ein paar Eindrücke beschreiben möchte, erst einmal ein paar hardfacts.

Chinesische Mauer – Hardfacts

Wer glaubt, die Mauer sieht auf ihren 8800 km von knapp über Tianjin (天津) bis nach Jiayuguan (嘉峪关) in der westlichen Provinz Gansu (甘肃) immer so aus, wie auf den Postern, die man auch bei uns kaufen kann, der täuscht sich gewaltig. Der westlichste Punkt der Mauer besteht lediglich auf einer Ansammlung weniger Meter hoher Lehmklumpen. Bereits seit dem 7. Jahrhundert vor Christus wurde immer wieder an der Mauer gebaut. In der Pracht, wie wir sie rund um Beijing bewundern können, ist sie erst während der Ming-Kaiser (1368-1644) entstanden. Neue Untersuchungen zeigen, dass im Laufe der Geschichte insgesamt über 21.000 km Mauer gebaut wurden. Oft nebeneinander, immer wieder abgerissen und der Landesgrenze angepasst. Aber ihre eigentliche Aufgabe verfehlte sie um Längen. Die Barbaren aus dem Norden konnte sie nie abhalten, China einzunehmen, denn man hatte es nie geschafft, die Mauer in ihrer Gänze fertigzustellen. Sie blieb immer lückenhaft.

Teilstück der Chinesischen Mauer von außen bei Jinshanling
Jinshanling/ Foto: Frederik Schmitz

Besuch der Mauer

Mauer heißt Sport. Okay, jetzt sagen die einen, es seien doch nur ein paar Treppenstufen und bis nach oben kommt man oft auch mit dem Sessellift, aber die Treppen haben es in sich und der wahre Mauer-Fan erklimmt sie sowieso mit seinen Füßen. Mao Zedong selbst sagte, wer die Mauer nicht erklommen habe, könne kein wahrer Held sein. Im Idealfall sollte man schon versuchen, sich ein paar Schritte weg von den Aufgängen zu bewegen, um den Menschenmassen zu entfliehen. Die Mauer für sich alleine zu haben, ist auch nicht zu verachten.

Auch schon bei der Auswahl des Abschnittes kann man vieles Richtig machen. Es gibt die Faustregel: Je weiter weg von Beijing (北京), desto leerer wird die Mauer und ja, man kann Glück haben und man ist ganz alleine auf der Mauer – ein unbeschreibliches Gefühl. Wer also nicht zum überfüllten Badaling(八达岭)möchte, für den bieten sich auch eine ganze Reihe anderer Teilabschnitte an. Etwas weniger besucht, aber immer noch relativ touristisch ist Mutianyu (慕田峪). Zu den schönsten Abschnitten gehören Jinshanling (金山岭) und Simatai (司马台).

Abschnitt der Chinesischen Mauer bei Jinshanling
Jinshanling/ Foto: Frederik Schmitz

Allerdings befindet sich Simatai wahrscheinlich immer noch under construction und ist nicht komplett zugänglich. Mein Geheimtipp hingegen ist der Abschnitt Huanghua (黄花). Für die Individualreisenden hier ein paar Hinweise, denn leider gibt es kaum geführte Touren dorthin. Aber es ist auch ohne große Probleme möglich, sich selber auf den Weg zu machen:

Abschnitt Huanghua – wie komme ich hin?

Wir sind, es war sogar schon Winter, morgens in Tianjin losgefahren und, mit dem Zug, Bus und anschließend dem Taxi, waren wir in 3 Stunden da. Wenn man von Beijing aus startet, dann müsste es in deutlich unter zwei Stunden zu schaffen sein. Vom Busbahnhof Dongzhimen (东直门) geht es mit dem Schnellbus 916快 nach Huairou Mingzhuguangchang (怀柔明珠广场). Kleiner Tipp: Auf keinen Fall in einen anderen Bus locken lassen oder früher aussteigen. Egal wie sehr es so angeblich schneller geht!!!

Hier geht es jetzt mit dem Taxi weiter und man sollte mit dem Fahrer absprechen, dass er dort wartet oder nach einer vereinbarten Zeit zurückkommt. Ich denke, dass 2 bis 2,5 Stunden reichen müssten. Erst bezahlen, wenn er einen wieder an der Bushaltestelle abgeliefert hat und beim Preis kann man MINDESTENS die Hälfte runterhandeln. Hier hat man dafür wirklich die Chance, dass man niemanden trifft und die Mauer ganz für sich alleine halt. Und wenn man dann noch, sicherlich dem Winter geschuldet, Schnee hat, hat man noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Schönheit der Mauer. Irgendwann geht es nicht mehr weiter, aber dann kehrt man einfach um und fährt mit dem Taxi zurück und steigt an der gleichen Station in Huairou wieder in den Bus zurück nach Beijing.

Die Chinesische Mauer bei Huanghua
Die Chinesische Mauer bei Huanghua/ Foto: Frederik Schmitz

Bis heute fasziniert mich in China nichts so sehr, wie die chinesische Mauer. Wie sie sich durch teilweise bergigstes Terrain von Bergspitze zu Bergspitze schlängelt und doch die Tragik, dass sie eigentlich nur als Frühwarnsystem diente. Zwar konnten u.a. die Mongolen nicht gehindert werden, in Beijing einzufallen, aber durch die Wachtürme war es möglich, Beijing frühzeitig vorzuwarnen. Man fragt sich ein jedes Mal, wenn man auf der Mauer steht und in die Ferne schaut, wie Menschenhand diese bauen konnte. Eins ist inzwischen geklärt: Als Mörtel zwischen den Steinen diente ein Gemisch mit Reis.

Aber nicht nur die bekannteren Abschnitte bei Beijing sind eine Reise mehr als wert, sondern zur Vielfalt der Mauer gehören auch die abgelegenen Stellen in der Provinz Gansu. Hier wo die Mauer endet zeigt sich, dass auch immer die Materialen verwendet wurden, die es zu jener Zeit an jenem Ort gab. Erblickt man die Lehmanhäufungen, so fällt es einem schwer, hier von der Chinesischen Mauer zu sprechen, aber sie ist es. Übrigens ist die deutsche Übersetzung der Großen Mauer eigentlich falsch. Auf Chinesisch heißt sie Lange Mauer und eigentlich ist dies auch viel passender. Denn wenn man eins über dieses monumentale Bauwerk sagen kann, dann, dass sie lang ist. Lang und in ihrer Erscheinungsform von einer ähnlichen Vielfalt geprägt wie China selbst.

Ende der Chinesischen Mauer bei Jiayuguan
Ihr Ende bei Jiayuguan/ Foto: Frederik Schmitz

Bei Tianjin entspringt sie aus dem Meer schlängelt sich im Glanz der Ming-Dynastie nördlich an Beijing vorbei, bevor sie in Gansu im Lehm zerrinnt und plötzlich an einem Abgrund endet.

 

Für Sie schreibt: Frederik Schmitz

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

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