Ein Plädoyer für den chinesischen Zug

Passend sitze ich gerade im ICE von Paris zurück in meine temporäre Wahlheimat Tübingen. Da kam mir spontan die Idee, doch mal etwas über Züge in China zu schreiben. Schließlich fahre ich nicht nur in den heimischen Gefilden gerne mit dem Zug, sondern auch im Ausland – vornehmlich natürlich in China

Abenteuer Zug

Bei meiner ersten selbst geplanten Reise durch China hatten wir ein Ziel: Möglichst wenige Strecken per Flugzeug und dafür das chinesische Schienennetz ausprobieren. Aber wir sind grandios gescheitert. 2011 war es ohne Kenntnisse im Chinesischen kaum möglich am Schalter einen Zug zu buchen. Lediglich von Chengdu nach Chongqing haben wir es tatsächlich mit der chinesischen Bahn geschafft – im Kraftakt. Alle anderen Strecken mussten wir also mangels Alternative fliegen. Komfortabel ja, aber wollten wir doch gerade mit dem Zug fahren, um das normale chinesische Leben kennenzulernen. Schließlich fahren auch die meisten Chinesen mit den Zügen durchs Land und jetten nicht von A nach B.

Wir waren doch etwas enttäuscht. Der Zug, den wir dann mit Mühe und Not bekommen hatten und der uns von Chengdu nach Chogqing bringen sollte, hatte eigentlich kaum einen Unterschied zu unseren heimischen ICEs und so kamen wir nicht zu dem Erlebnis, was ich mal Abenteuer nennen möchte: Quer durch ein Land, ohne Sprachkenntnisse und dann auch noch mit dem Zug.

Anzeige im Wartebereich eines Zugbahnhofs in China
Anzeige im Warteraum

Bis heute hat sich dahingehend allerdings viel getan. Auch ohne Kenntnisse im Chinesischen ist es inzwischen möglich, mit dem Zug durch das Land zu reisen und es lohnt sich. Flughäfen und Flugzeuge sind in China genau so aufgebaut wie in Deutschland, Portugal oder den USA. Chinesische Züge hingegen gehorchen ihren eigenen Gesetzen – aber sie sind selbst bei 26 stündiger Fahrzeit auf die Minute pünktlich! Meistens!

Mut zum Schlafwagen

Aber Zug ist nicht gleich Zug. Wer schnell von A nach B kommen und seinen Komfort auch nicht beiseite legen möchte, der wählt den gaotie (高铁). Er verbindet die meisten großen Städte und so rast er auch mehrfach am Tag in 4-5 Stunden und an die 300km/h von Beijing nach Shanghai und wieder zurück. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich die etwas langweilig.

Ein typischer Zweite Klasse Schlafwagen in Chinas Zügen
Ein typischer Zweite Klasse Schlafwagen

Wer sich etwas Zeit nehmen möchte und den Zug nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern auch als Teil der Reise versteht, der nimmt einen der vielen langsameren Züge, wenn nicht sogar einen Nachtzug. Meine schönsten Reisen durch China fanden auch zu einem Großteil im Zug statt. Ich bevorzuge dabei vor allem die Nachtfahrten im Schlafabteil. Abends einsteigen und am nächsten Morgen mehr oder weniger ausgeschlafen am Zielort ankommen. Zudem spart man sich gleich noch den Preis für eine Hotelnacht. Vor allem mit Freunden macht es besonders viel Spaß. Aber Zugfahren muss gelernt sein. Möchte man sich dem Chinesen anpassen, dann darf eins nicht fehlen: Eine mehr oder weniger leckere Instantnudelsuppe. Praktischerweise verfügt jedes Abteil über einen Wasserspender mit kochendem Wasser. Wir reisen aber inzwischen auf höherem Niveau und haben uns von der Nudelsuppe entfernt.

Zwischen Insantnudeln und halber Ente

Zu einer guten Nachtzugfahrt gehört für mich und meine Freunde mehr als nur die Nudelsuppe aus dem Pappkarton. Welche drei Dinge würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen? Dieses altbekannte Planspiel variiere ich jetzt einmal und mache aus drei vier. Mai san song yi würde der Chinese dies humoristisch umschreiben. Drei kaufen und einen obendrauf geschenkt bekommen. Vier Grundzutaten gehören somit zu einer guten Zugreise. Da wäre zum einen etwas leckeres zum Essen. Wir decken uns in der Regel auf Märkten mit allerlei Fressalien ein.

Tofu, Ente, Bier, Reisschnaps und Mandarinen für die Fahrt mit dem Zug
Tofu, Ente, Bier, Reisschnaps und für die Vitamine noch ein paar Mandarinen

Beim letzten Mal eine schöne kalte halbe Ente. Hier empfiehlt es sich, auch ein Messer mitzunehmen, wobei es sein kann, dass dieses bei den Sicherheitskontrollen entdeckt und beschlagnahmt wird. Zweite Grundzutat für eine erfolgreiche Fahrt auf Chinas Schienennetz ist natürlich etwas zu trinken. Hier fasse ich gleich mal Punkt zwei und drei zusammen. Also zweitens Bier und drittens ein guter Tropfen Reisschnaps. Das i-Tüpfelchen ist dann ein gutes Kartenspiel, um sich die Zeit etwas zu vertreiben. Und schon ist das Quartett der erfolgreichen Zugfahrt beisammen!

Feiertage

Absurde Szenarien können sich derweil an den großen Feiertagen im Land abspielen. Das Frühlingsfest wird auch für Chinesen zur logistischen Herausforderung. Große Feiertage gleichen in China zuweilen einer kleinen Völkerwanderung, wenn die in den Großstädten arbeitenden Familienmitglieder zurück in ihre Heimat möchten, um im Kreis der Familie zu feiern. Flüge sind für die meisten noch zu teuer und so ist der Zug oder der Bus eine geeignet Alternative. Der Bus fällt bei zu langen Wegstrecken aber auch raus und so bleibt nur der Schienenverkehr übrig.

Ich vermeide es, wenn ich kann, an Feiertagen zu verreisen. Selbst wenn es mit dem richtigen Zugticket noch geklappt hätte, kann so ein Bahnhof schon zur Tortur werden. Oft sind die Tickets zu den großen Feiertagen innerhalb weniger Stunden, wenn nicht gar Minuten ausverkauft und leider können sie auch nicht allzu lange im Voraus gebucht werden… Nehmen wir mal an, ich hätte noch ein Ticket bekommen, so muss ich am Bahnhof mit deutlich mehr Zeit rechnen, denn es wird voll. Mit einem Sitzplatz im Wartebereich rechne ich gar nicht mehr und auch die Züge können ganz schön überladen sein. Ein Glück, wenn man ein Ticket mit Sitzplatz bekommt.

Das restliche Jahr hingegen ist es doch eine sehr komfortable und mal andere Erfahrung, die man in China gemacht haben sollte. Einmal sich im chinesischen Bahnhof zurechtfinden und nicht mit einer Schar von Touristen in den Fliegern durchs Land reisen, sondern wirklich was vom Land, den Leuten und vor allem von der Umgebung mitbekommen. Das gibt’s doch wirklich nur im Zug.

 

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

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