Der wilde Westen – Gansu

Es gibt die klassischen Reiseziele in China. Dazu gehören sicherlich Beijing, Shanghai, Xi’an, Guilin und dann noch Hangzhou oder Suzhou. Manche Rundreisen nehmen noch Hongkong mit auf. Das ist auch vollkommen in Ordnung so. Wenn man zum ersten oder vielleicht auch zum zweiten Mal nach China kommt, dann sind das auch die wichtigsten Städte und sie bieten einen guten Überblick über dieses Land. Aber was haben alle diese Städte gemeinsam? Sie befinden sich im entwickelten Osten des Landes – mit Ausnahme von Xi’an. Aber als alte Kaiserstadt hat sich diese Stadt natürlich auch herausgeputzt. Wir wollen dieses Mal aber in den Westen: nach Gansu 甘肃.

Abseits des modernen China

Es gibt eben auch noch ein China hinter den Vorzeigestädten im Osten des Landes. Ein China, in dem Ausländer noch immer eine Besonderheit sind. Hier entsteht ein ganz anderer Eindruck von China. Keine Hochhäuser, wie in den Megametropolen Shanghai und Hongkong und auch keine schmuckvollen kaiserlichen Paläste, wie in Beijing. Hier leben die Menschen noch fast ausschließlich von der Landwirtschaft. Die Rede ist vom Westen Chinas. Medial bekannt ist vor allem die Provinz Xinjiang, aber auch Gansu hat sehr viel zu bieten. Hier hat es mich 2014 für eine längere Reise hingezogen.

Geografisch liegt Gansu vor Xinjiang und ist eine sehr lang gezogene Provinz. Obwohl sie die siebt größte Provinz des Landes ist (insgesamt gibt es 33 Provinzen), kommt sie mit etwa 23,4 Millionen Einwohnern nur auf Platz 22 der bevölkerungsreichsten Provinzen. Damit gehört sie zu den eher dünn besiedelten Provinzen Chinas.

Wir sind einmal vom Süden bis in den Norden der Provinz gereist. Nachdem wir von Beijing aus nach 26-stündiger Zugfahrt in der Provinzhauptstadt Lanzhou ankamen, haben wir uns erst einmal mit einer Nudelsuppe gestärkt. Die schmecken hier einfach vorzüglich. Aber im ganzen Land gibt es die lanzhou lamian 兰州拉面. Eine Rindersuppe mit handgezogenen Nudeln. Die Herstellung dieser Nudeln fasziniert mich schon seit längerem, aber ich habe es selber nie hinbekommen. Kaum aufgefuttert, ging es mit dem Bus weiter nach Xiahe 夏河. Hier sollte unsere Reise beginnen.

Buddhismus in Xiahe

Gansu: Labrang-Kloster
Labrang-Kloster

Xiahe ist eine dreigeteilte Stadt. Auf der einen Seite gibt es eine han-chinesische Community, aber auch eine tibetische und eine muslimische Gemeinde leben hier Tür an Tür friedlich mit- und nebeneinander. Wer dem Buddhismus in China nahe sein will, aber es nicht bis nach Tibet schafft, der ist in Xiahe bestens aufgehoben. Hier steht das berühmte Labrang-Kloster 拉卜楞寺 – das wohl bedeutendste buddhistische Kloster außerhalb Tibets. Eine wirklich beeindruckende Tempelanlage vor einem begrünten Berghang mit Grabstätten. Durch die ganze Stadt laufen Mönche in ihren roten Gewändern und überall um das Kloster wird selbstgemachtes Brot mit Rosenblättern verkauft. Ein echter Leckerbissen. Von Xiahe aus kann man auch gut einen Ausflug in die Grassteppen machen. Die Hotels können so etwas organisieren. Sowieso gibt es in Gansu ganz unterschiedliche Landschaften. Während der Süden grün und fruchtbar ist, ist der Norden der Provinz durch die Wüste geprägt.

Zwischen Pferdehuf-Kloster und Farbbergen in Zhangye

Gansu: Pferdehuf-Kloster
Pferdehuf-Kloster

Eine weitere Perle ist Zhangye 张掖. Die Stadt selbst mag etwas enttäuschen, wobei man ihr damit nicht ganz gerecht wird. Es ist eine schöne chinesische Kleinstadt ohne viel Schnickschnack, aber mit einer ausgeprägten Streetfood-Kultur. Nachts werden auf manchen Plätzen Tische und Stühle rausgeholt und neben frischem und kaltem Bier gibt es dann die ein oder andere Leckerei.

Auch das Umland von Zhangye muss sich nicht verstecken. Da wäre zum einen das Pferdehuf-Kloster (马蹄寺 mati si). Das geniale an diesem Kloster ist, dass es im Inneren des Berges liegt. Ich bin zum Glück nicht ganz so groß gewachsen, aber auch ich hatte im Inneren meine Probleme, aber es lohnt sich. Hier fährt von Zhangye auch ein Bus hin. Ebenfalls mit dem Bus erreichbar sind die Danxia-Berge 丹霞山. Ich weiß nicht, ob es schon als Gebirge durchgeht, aber das ist ja auch nebensächlich. Besonders an diesen Bergen ist die verschiedene Färbung der Steine.

Gansu: Danxia-Berge
Danxia-Berge

Das Ende Chinas in Jiayuguan

Gansu ist aber auch das westliche Ende Chinas, wenn man so will. Zumindest eines Chinas der Vergangenheit. In Jiayuguan 嘉峪关 befindet sich seit 1372 das Westende der Mauer. Für mich als Mauer-Fan ein ganz besonderer Ort. Hier, wo die Mauer mit einem letzten Wachposten endet und die Mauer danach in die Tiefe stürzt. Hier kam wohl kein Feind so einfach hoch. Von dem letzten Wachposten ist heute aber nicht mehr viel übrig. Vielmehr ist es nur noch ein etwas höherer Klumpen Lehm, hinter dem es steil in die Senkrechte geht.

Gansu: Der letzte Wachposten bei Jiayuguan
Der letzte Wachposten

Zwischen den Sanddünen bei Dunhuang

Nach Jiayuguan haben wir die fruchtbaren Landstriche Gansus endgültig verlassen und erreichen mit Dunhuang 敦煌 nun wirklich die Wüste. Wüste – das heißt Sand. Sand soweit das Auge reicht. Für die etwas Abenteuerlustigeren werden hier auch Kameltouren in die Wüste angeboten mit einer Übernachtung im Zeltlager zwischen den Dünen. Pünktlich zum Sonnenaufgang wird man dann aufgeweckt und kann den Sonnenaufgang zwischen den Dünen bewundern. Ein einmaliges Erlebnis. Aber auch kulturell kann Dunhuang mit den Mogao-Grotten 莫高窟 aufwarten. Von den ehemals 1000 Grotten, die von buddhistischen Mönchen zwischen dem 4. und dem 12. Jh. in das Felsmassiv geschlagen und mit buddhistischen Motiven verziert wurden, sind heute rund 500 Grotten für Besucher geöffnet. Allerdings nie gleichzeitig. Die geöffneten Grotten wechseln regelmäßig, sodass man bei jedem Besuch einen anderen Einblick erhält.

Gansu: Sonnenaufgang in der Wüste bei Dunhuang
Sonnenaufgang in der Wüste bei Dunhuang

In Gansu lohnt es sich immer, sich mal ein Taxi zu nehmen, um in etwas kleinere Dörfer zu fahren. Hierfür sind natürlich Kenntnisse im Chinesischen hilfreich. Sonst kann es etwas schwierig werden, aber es lohnt sich. Einen authentischeren Blick ins Innere Chinas kann man kaum bekommen. China sind eben nicht nur die Metropolen im Osten sondern weit mehr. Für uns war die Reise hiermit am Ende und es ging zurück mit dem Zug nach Beijing. Noch einmal 26 Stunden mit dem Zug. Aber Gansu ist mir in guter Erinnerung geblieben und vielleicht verschlägt es mich irgendwann ja noch einmal hier hin.

 

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