Zwischen Politik und Freizeit: Musik in China

Asiatische Musik wird oft belächelt und nicht wirklich ernst genommen. Dabei sind es gerade die asiatischen Länder und vorne weg auch China, die Musik selber einen sehr hohen Stellenwert einräumen. Musik in China hat aber auch eine historische Komponente. Schon Konfuzius hat die Bedeutung der Musik für das Rituelle immer wieder hervorgehoben. Einst soll es sogar einen konfuzianischen Text über die Musik gegeben haben, der in den Status eines konfuzianischen Klassikers erhoben wurde. Dieser gilt heute allerdings als verschollen. Aber auch seit der Volksrepublik hat Musik eine wichtige Rolle gespielt. Sei es als ideologische Umrahmung oder als Abendprogramm im Karaoke-Tempel.

Die Roten Lieder

Dient uns die Musik meist als Unterhaltung und Entspannung, so hat Musik in China neben dessen auch eine politische Dimension. Früher spielten in China die sog. hong geRoten Lieder – eine große Rolle. Ähnlich den Arbeiterliedern sollten sie eine Art des Wir-Gefühls vermitteln oder politische und ideologische Rahmen abstecken. Diese Roten Lieder bezeichnen eine Sammlung von Liedern, die den ideologischen Rahmen des Kommunismus untermauern sollte. Rot natürlich als Farbe des Kommunismus und des neuen Chinas. Kommunistische Hymnen wie Der Osten ist rot oder Kein neues China ohne die Kommunistische Partei sollten die Massen nach der Ausrufung der Volksrepublik 1949 vereinen. Bis heute werden politische Agenden oft durch musikalische Darbietungen unters Volk gebracht und erklärt.

Karaoke-Tempel

Liegen weite Teile der Ursprünge der heutigen japanischen Kultur im früheren kulturellen Einfluss Chinas auf Japan, so ist das Karaoke wohl von Japan nach China gekommen. Auch in Deutschland singen wir Karaoke und spätestens seit SingStar bieten auch viele Bars regelmäßige Karaokeabende an. Nur dass sich hier zu Lande viele noch sehr zieren vor fremdem Publikum falsche Töne herauszubringen. In China kommt es weniger darauf an, ob man die Töne trifft, sondern es geht einzig und allein um die Geselligkeit. Selbst in den kleinsten Städten gibt es inzwischen regelrechte Karaoke-Tempel, die sich in Größe und Prunk regelmäßig zu übertreffen versuchen.

Diese Karaoke-Tempel bieten unzählige liebevoll ausgestattete Räume, wo kleinere bis mittlere Gruppen unter sich sind und den ganzen Abend zusammen singen, trinken und schnacken können. Hier muss sich niemand genieren, dass Fremde den Katzenjammer hören könnten. Es wirkt doch oft weniger verklemmt als bei uns. Hier verbringen sie dann auch die ganze Nacht und in den frühen Morgenstunden geht es dann zurück nach Hause. Sehr beliebt auch bei Studenten, denn die Wohnheime schließen in der Regel von 23 Uhr abends bis 7 Uhr morgens ihre Pforten und dann ist kein Reinkommen mehr. Nach der Karaoke noch schön irgendwo frühstücken gehen und schon können die Wohnheime wieder betreten werden.

Zwischen Hype und Skurrilität

Nicht nur auf sinologischen Institutsfeiern ein seit Jahren wiederkehrender Hit, sondern auch nach wie vor in China an jeder Straßenecke zu hören ist der Evergreen des Kleinen Apfels. Es ist eine gute Tradition, dass die Belegschaften von Restaurants, Hotels und Geschäften mindestens einmal am Tag draußen vor dem Eingang zusammenkommen und gemeinsame Teambildungsmaßnahmen durchführt. Gerne wird zusammen gesungen oder getanzt. Gibt es keine eigene Hymne für das Unternehmen, dann wird auch gerne auf andere populäre Lieder zurückgegriffen. Seitdem es von den Chopstick Brothers das wohl etwas ironisch gemeinte Lied des Kleinen Apfels gibt, müssen unzählige Angestellte, über das ganze Land verteilt, an gemeinsamen teambildenen Performances zu diesem Song teilnehmen.

Aber es kommen auch immer wieder Lieder zum Vorschein, wo man sich einfach nur an den Kopf packen kann. Meine neuste Entdeckung ist Chick Chick von Wang Rong Rollin. Inhaltlich möchte ich es eigentlich mit Da Da Da von Trio vergleichen. Nur, dass es mit noch weniger textlicher Vielfalt auskommt.

Voice of China und heutige Musik in China

Sollte der Eindruck entstanden sein, dass sich Musik in China nur zwischen politischer Ideologie und Skurrilität bewegt, dann ist dies natürlich auch nicht richtig. Chinas hat eine gewaltige Musikbranche. Alles ist vertreten: Von Liebesschnulzen bis Rocksongs und sogar experimenteller Psychedelic Rock kommen vor. Ab und zu treten sogar chinesische Bands in Deutschland auf. Aber ihr deutscher Fankreis hält sich, wenn manchmal auch unberechtigt, in Grenzen. Es sind eben nicht nur Schnulzen, die von Liebe, Schmerz und Glück handeln, sondern auch Lieder über Freundschaft sowie gesellschaftliche und soziale Probleme bewegen die Gemüter in China.

Beliebt sind auch die diversen chinesischen Castingshows. Ganz vorne mit dabei ist ein auch bei uns nicht unbekanntes Format. Voice of Germany gibt es natürlich auch in der chinesischen Version. Die Jury ist auch hier am hochkarätigsten besetzt. Aber eigentlich hat inzwischen jeder Fernsehkanal seine eigene Castingshow. Ich wage sogar zu behaupten, dass es keine Zeit am Tag gibt, in der nicht irgendwo im chinesischen Fernsehen eine Castingshow läuft und irgendein Chinese oder eine Chinesin um seine zukünftige Karriere als Popstar singt.

Musik in China ist vielfältiger als man meinen mag und oft auch zu Unrecht bei uns kaum bekannt. Dabei gibt es einige Künstler, die gute Lieder machen und die abgesehen von der Sprache auch von deutschen Bands gesungen werden könnten. Ab und zu versuchen sich auch deutsche Bands an chinesischen Klassikern, wie die Kölner Band Die Höhner an der Jasminblüte.

China Tours Reise Teaser China für Entdecker

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

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