Terrakotta-Armee bei Xi'an / Foto: Frederik Schmitz

Xi’an – die alte Kaiserstadt

Beijing ist inzwischen seit mehreren Jahrhunderten die Hauptstadt sowohl des chinesischen Kaiserreiches gewesen als auch die Hauptstadt des neuen China seit 1949. Aber es hat in der chinesischen Dynastiegeschichte auch andere Hauptstädte gegeben. Die einen bedeutender und die anderen eben unbedeutender. Xi’an gehört eindeutig zu den bedeutenderen unter ihnen. Xi’an heißt in seiner Übersetzung nicht mehr und nicht weniger als „der westliche Frieden“. Und auch der alte Stadtname – Chang’an – verheißt den Frieden. Nämlich den „langen Frieden“. Jeder der einmal in Beijing gewesen ist, kennt mit Sicherheit den großen Prachtboulevard, der das Tor des himmlischen Friedens von dem Platz des himmlischen Friedens trennt. Es ist die Chang’an Rd. Genau diese Namensgebung in prominenter Lage zeigt, welche Bedeutung Xi’an für die Geschichte Chinas hat.

Die erste Hauptstadt

Mit der Reichseinigung unter dem ersten chinesischen Kaiser Qin Shihuangdi wurde Xi’an ab 221 v.Chr. zur ersten Hauptstadt des chinesischen Kaiserreiches. Heute ist sie zwar nicht mehr die Hauptstadt des Landes, mit knapp acht Millionen Einwohnern beim besten Willen auch nicht die größte Stadt Chinas, aber dennoch Provinzhauptstadt Shaanxis. Und frage ich meine Freunde, die in Xi’an das ein oder andere Semester verbracht haben, dann kommen die meisten aus dem Schwärmen auch gar nicht mehr raus. Selbst bin ich zwar auch erst zwei Mal dort gewesen, aber Xi’an ist in meinem Gedächtnis nicht in der schlechtesten Erinnerung abgespeichert.

Die Terrakotta-Armee

Bei alle den Sehenswürdigkeiten, die Xi’an zu bieten hat, ist die Terrakotta-Armee sicherlich die wichtigste. Sie gehört für jeden Xi’an-Reisenden zum Muss. Ein Schelm, wer in Xi’an war, ohne sich die weltberühmten und seit 1987 zum UNESCO Weltkulturerbe gehörenden Tonkrieger anzusehen. Wenige Sehenswürdigkeiten stehen weltweit so sehr für China als die Terrakotta-Armee.

Terrakotta-Armee bei Xi'an / Foto: Frederik Schmitz
Terrakotta-Armee

Dabei war die Entdeckung der auf 8.000 geschätzten Tonfiguren ein Zufall. Zwar war bekannt, dass sich unter dem Grashügel das Grab des ersten Kaisers von China befindet, doch fanden die tönernen Figuren in den historischen Aufzeichnungen keine Erwähnung. Heute weiß man, dass sich Qin Shihuangdi eine Armee aus Ton erschaffen ließ, die ihn auch nach seinem Tod beschützen sollte. Und nicht nur eine Armee wurde mit ihm begraben, sondern eine ganze unterirdische Totenstadt mit einer Vielzahl von Grabbeilagen befinden sich in den Grabkammern. Es waren Bauern 1974, die beim Bau eines Brunnens in vier Meter Tiefe auf Tonscherben und die ersten Figuren stießen.

Was für ein Glück, dass sich die Kommunistische Partei während der Zeit der Kulturrevolution auch auf den ersten Kaiser Chinas berief. Sonst wären die Figuren sicherlich auch den Kampagnen gegen die Tradition zum Opfer gefallen.

Heute sind etwa ein Viertel der Anlage komplett freigelegt. In einem direkt über der Fundstelle errichteten Museum können die Figuren besichtigt werden. Es hält sich das Gerücht, ich selber konnte es nicht überprüfen, dass die Gesichter jeder Figur unterschiedlich seien und keines dem anderen gleiche.

Dem Chinesen seine Mauer

Sie hat zwar nicht die Ausmaße der Chinesischen Mauer, aber auch in Xi’an gibt es eine Mauer. Im Vergleich müsste ich wohl eher von einem Mäuerchen sprechen. Hier diente sie zwar nicht als Abwehr gegen die nördlichen Barbaren, sie sollte aber dennoch die Stadt umkreisen. Das tut sie bis heute, auch wenn nur die Innenstadt. Xi’an ist inzwischen auch bis Jenseits der Mauern gewachsen, sonst hätten die ganzen Menschen aber auch keinen Platz zum Leben. Wer einen schönen Überblick über den Kern der Stadt, aber auch über die Mauergrenze hinaus, haben will, der leiht sich an einem der vielen Aufgänge zur Mauer ein Fahrrad und kann schön einmal mit dem Rad über die Mauer fahren. Immer mal wieder anhalten und die Aussicht genießen. Es lohnt sich. Aber natürlich lässt sich alles auch zu Fuß machen. So eine leichte Prise Fahrtwind kann im Sommer aber auch ganz schön sein.

Wachturm von Xi'an bei Nacht/ Foto: Frederik Schmitz
Wachturm bei Nacht

Die Große Moschee von Xi’an

Nicht zu verachten sind auch die Einflüsse der Hui in Xi’an. Dies zeigt sich auch in der Kulinarik Xi’ans. Die Hui, das ist die größte muslimische Minderheit in China. Rund um die Große Moschee, die sich in der Huajue-Gasse unweit des Trommelturms befindet, gibt es allerhand leckere muslimische Restaurants und Straßenstände. Unverwechselbar die Brote, die mitten auf der Straße gebacken werden oder auch ein ganz typischer Snack für Xi’an: Roujiamo – eine Art chinesischer Hamburger mit geschmortem Fleisch und Spitzpaprika. Aber an jeder Straßenecke gibt es auch einfach nur Lammspieße. Stilecht à la China mit Kreuzkümmel und Chili. Die Moschee selber ist eigentlich eher etwas unscheinbar und so bin ich bei meinem ersten Besuch mehrere Male vorbeigerannt. Wenn ich mir jetzt aber vorstelle, dass sie aus der Tang-Dynastie stammt und um die 1250 Jahre alt ist, dann finde ich es doch ganz schön beeindruckend, dass sie sich bis heute gehalten hat.

Große Moschee von Xi'an / Foto: Frederik Schmitz
Große Moschee von Xi’an

Zwischen Pagode und Jungsteinzeit

Es gibt eine Unzahl weiterer sehenswerter und interessanter Dinge, die man sich in Xi’an anschauen kann und sollte. Da ist die Große Wildganspagode, zu der es auch noch ein kleines Pendant gibt. Aber auch eher unbekannte Sehenswürdigkeiten, wie das jungsteinzeitliche Dorf Banpo, bzw. die Reste, sind hoch interessant. Hier erhält man einen kleinen Einblick darüber, wie die chinesische Wohnkultur 4800-3600 v.Chr. ausgesehen hat. Noch mehr im Boden als in den Wolkenkratzern des heutigen Chinas.

Große Wildganspagode von Xi'an
Große Wildganspagode

Aber natürlich ist Xi’an heute kein Freilichtmuseum, in dem noch das alte China vorherrscht. Heute reihen sich auch hier Wolkenkratzer an Wolkenkratzer und Bar an Bar. Tagsüber ein bisschen in der Geschichte wühlen und abends dann gepflegt zurück im neuen China auch einmal das Nachtleben genießen. Dabei den ein oder anderen Spieß oder ein Roujiamo. Und eines gilt sowie immer, wenn die Hui in der Nähe sind: Zur Erfrischung findet man überall Melonenschnitze.

 

Für Sie schreibt: Frederik Schmitz

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

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