Deutschland in China – Qingdao

Vielleicht ist Qingdao die Stadt, die das Heimweh nach Deutschland in China am ehesten zu stillen vermag. Aber auf jeden Fall gehört die Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Shandong zu den Orten in China, in denen man die europäischen Einflüsse am besten sehen kann. Qingdao besticht weniger durch die traditionelle chinesische Kultur, sondern der Charme der Stadt ist das Zusammenspiel westlicher und chinesischer Einflüsse.

Qingdao: ehemaliger Imbiss
Ehemaliger Imbiss

Klein Deutschland in China

Gerade die Deutschen haben zu Qingdao eine ganz besondere Beziehung, denn war diese Stadt einst Kolonialgebiet des Deutschen Kaiserreiches und aus dieser Zeit (1897-1914) stammt auch eines der bekanntesten chinesischen Exportprodukte der Neuzeit – das Tsingtao Bier. Immerhin bekommt man es bei so fast jedem chinesischen Restaurant in Deutschland.

Qingdao: Frisch gezapftes Tsingtao in Tüten
Frisch gezapftes Tsingtao in Tüten

Der Clou in Qingdao: Hier kann man das Bier eigentlich an jeder Straßenecke frisch gezapft bekommen. Nicht etwa in einem Glas oder einer Flasche, sondern in einem Beutel. In Deutschland schleppt man seine Einkaufstüten durch die Stadt und in Qingdao sein Bier im Beutel.

Aber es ist auch schön, ab und zu ein paar deutsche Schriftzüge an den Häuserwänden zu sehen. Wenn man des Chinesischen nicht in seiner Gänze mächtig ist, dann verwirren einen die ganzen Zeichen vielleicht doch einmal. Es ist eben diese schöne Mischung aus Westen und China, die auch in Shanghai oder Tianjin einen gewissen Reiz ausmacht.

Und es sind einige bekannte Gebäude, die eine nicht zu verkennende deutsche Handschrift tragen. Da wäre nicht nur die Tsingtao Brauerei, sondern auch die ehemalige Residenz des deutschen Gouverneurs und der alte Bahnhof. Und auch die Kathedrale St. Michael erinnert ganz stark an eine europäische Kirche. Ist sie schließlich auch nach dem Vorbild der rheinischen Romantik erbaut worden. Diese Stadt eignet sich also prima dazu, die deutschen Spuren in China zu erkunden.

Qingdao: St. Michael
St. Michael

Kulinarik

Wer sich nach deftigen Fleischgerichten sehnt oder Pekingente essen möchte, der muss woanders hinfahren. Die Lage der Stadt, direkt am Meer, lässt schon erahnen, wovon sich in Qingdao überwiegend ernährt wird: Fisch und Meeresfrüchte. Und das in einer Fülle und Vielfalt, wie ich sie vorher kaum gesehen habe. Viele Restaurants bieten an, dass man sich auf einem der unzähligen Fischmärkte selber einen Fisch aussuchen kann und der dann im Restaurant nach den eigenen Wünschen oder in der Speisekarte aufgeführten Arten frisch für einen zubereitet wird. Zugegebenermaßen: Hier sind Kenntnisse in Chinesisch von Vorteil, aber viele Restaurants bieten auch englische und sogar deutsche Speisekarten an.

Qingdao: Seesterne
Seesterne

Wer sich dann etwas trauen möchte, der probiert sich an einer Art Meer- oder Seewürmern oder an Seesternen. Auch wenn mich der Ekel normalerweise kaum trifft, sahen mir die Würmer doch etwas zu glitschig und unappetitlich aus. Die sollen andere essen. Aber an einen Seestern habe ich mich herangewagt. Aber ich muss sagen… den lasse ich beim nächsten Mal lieber weg. Manche Tiere sind einfach nicht zum Essen gemacht und schmecken zudem auch noch echt gruselig.

Laoshan

Ein wichtiges Ziel rund um Qingdao ist der Laoshan. Er gehört zu den wichtigsten Bergen des Daoismus und ist ein sehr beliebtes Ziel bei Touristen. Es gibt ja bei den meisten chinesischen Bergen immer zwei Möglichkeiten des Aufstiegs. Zu Fuß oder mit der Gondel. Wir haben uns für die Gondel entschieden und sind dann zurück gelaufen. Ein großer Vorteil der Gondel ist einfach, dass man sich die interessante Landschaft auch einmal von oben ansehen kann. Der Laoshan wirkt von oben fast fleckig. Immer wieder sind es die Bäume, die von oben betrachtet wie grüne Punkte den sonst eher hellen Granit bedecken.

Qingdao: Laoshan
Laoshan

Es ist auch kein sonderlich hoher Berg und die Teile, die man dann noch zu Fuß hinauf- oder hinabgeht, die gleichen den meisten chinesischen Bergen heutzutage. Denn was dem geneigten Bergsteiger etwas komisch vorkommen könnte, wenn es ihn sonst nach Bayern oder in die Alpen verschlägt, dass sind die Treppenstufen und Essensstände an jeder Ecke. Suchen wir doch eher die unberührte Natur, wenn wir uns auf den Weg in die Berge machen, so sind die wichtigen Berge in China doch touristisch immer sehr gut erschlossen. Ich gebe zu, da ist mir manchmal die unberührte Natur lieber. Und etwa auf der Hälfte des Abstiegs kann man dann auch den Namen seiner Liebsten und sich selbst auf ein kleines Vorhängeschloss gravieren lassen und in den Berg hängen. Ganz wie auf der Eisenbahnbrücke über dem Rhein in Köln.

Sicherlich: Qingdao ist nicht eine Stadt, wie man sie sich in China vorstellt. Weder strotzt sie vor Relikten aus den alten kaiserlichen Dynastien, noch steht sie für das moderne China à la Shanghai. Qingdao ist ein Zeugnis davon, dass sich die europäischen Kolonialmächte auch in China breit machen wollten. Sicherlich war die deutsche Kolonie noch eine der kleineren, aber hatte der europäische Architekturstil dennoch einen ganz besonderen Einfluss auf die Stadt.

Und eins merkt man sofort. Es ist eine lebenswerte Stadt. Nicht umsonst wurde Qingdao in der Vergangenheit sowohl zur lebenswertesten als auch zur glücklichsten Stadt in Chinas gewählt.

Für Sie schreibt: Frederik Schmitz

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

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