China Reisebericht: Das frühmorgendliche Leben der chinesischen Rentner

Für Reisende ist es ja immer interessant zu sehen, wie anders die Menschen anderswo leben. Tatjana Stauder war im Juni auf der China Rundreise “China mit Yangtze” im Reich der Mitte unterwegs und hat für uns ihre Reiseeindrücke festgehalten.

Eine Sache fällt in Chinas Städten direkt auf: das Leben findet viel mehr in der Öffentlichkeit statt als in deutschen Städten. Und das fällt ebenfalls auf: Vor allem ältere Menschen nehmen mehr Fläche im öffentlichen Erscheinungsbild ein, als man das von Zuhause kennt. Offensichtlich verbringen sie nicht die meiste Zeit in den eigenen vier Wänden oder dem eigenen Garten hinter dem Haus. Wir kennen das von Ländern, wo es immer warm ist und Oma und Opa rege am öffentlichen Leben teilnehmen, weil das Leben insgesamt viel mehr auf den Strassen stattfindet. Aber warum ist das auch in Chinas (Groß-) Städten so?

Unser Guide erklärt es uns: In China treffen sich schon morgens gerade die älteren Chinesinnen und Chinesen in den Parks und auf öffentlichen Plätzen, klönen, treiben Sport, spielen Tischtennis, Karten, Würfel- oder Brettspiele… Sie sind häufig von den ländlichen Gegenden in die Städte gezogen; zu ihrem Sohn und der Schwiegertochter, die sie nun im Alter aufnehmen und versorgen. Dadurch haben die älteren Leute oft erst einmal ihr soziales Umfeld verloren. Sie haben ihre Freunde, Nachbarn und Bekannte verlassen und möchten nun neue Kontakte knüpfen und pflegen. Die Voraussetzungen dafür sind perfekt: die Städte sind gut bestückt mit Parks und Plätzen und die sind voller „Spielplätze für Erwachsene“: Sportgeräte, Tischtennisplätze und Sitzgelegenheiten für ihre Bürger.

Wir Reisende aus Deutschland sollen dieses morgendliche chinesische Leben auch einmal hautnah erleben. Das Frühstück wurde etwas vorverlegt und unser Bus fährt ganz nah an Xi’ans Stadtmauer heran. Ein Morgenspaziergang wird unseren müden Knochen gut tun, denken wir, die Vorstellung von solchen Erwachsenenspielplätzen finden wir aber zunächst einmal kurios.

Diverse Male haben wir solche „Sportgeräte“ schon an unterschiedlichen Orten in den Städten gesehen und uns gewundert. Nun nähern wir uns also den ersten Stahlkonstruktionen. Vor uns laufen schlanke chinesische Damen mit kleinen weißen Sonnenhüten, wie man sie von Tennisspielerinnen aus den 80ern kennt. Sie biegen mit sportlichen Schritten vor uns ab auf die kleinen Trampelpfade neben den offiziellen Wegen durch den Park, ganz offensichtlich sind das „Trimm Dich Pfade“. Älteren Herren mit kleinen Sporttaschen aus denen sie Tischtennisschläger und Bälle hervorholen begrüßen sich. Kaum haben wir uns versehen, stehen andere Damen und Herren auf den Laufbändern, sitzen auf den Fitnessrädern und schwups hat mein Mann auch einen Tischtennisschläger in der Hand und tauscht die ersten Bälle auf einer der 5-6 Tischtennisplatten. Der ältere Herr, der ihn zum Spiel herausgefordert hat, spielt gekonnt. Offensichtlich ist er in Übung.

Man tauscht nicht nur die Bälle sondern auch vorsichtige Blicke, lässt sich aber im Allgemeinen nicht stören von uns Langnasen, die nun auch auf die Sportgeräte steigen, strampeln und den ein oder anderen Klimmzug schaffen. Von weiter hinten hören wir Geräusche wie man sie von den Stemmbänken aus den heimischen Fitnessstudios kennt. Aber nicht junge Muskelpakete, sondern ältere Herren stemmen hier die Eisen.

Wir spazieren weiter, sehen kleine Pavillons, wo sich diejenigen, die vielleicht schon ihr Tagessoll erreicht haben, ausruhen, unterhalten, Brett- oder Kartenspiele spielen oder handarbeiten und meist ein Lächeln auf den Lippen haben. Mag sein, weil die Ausländer sie so neugierig beäugen. Mag sein, weil sie zufrieden sind unter Ihresgleichen im Park.

Wir können uns schwer vorstellen, dass unsere Seniorinnen und Senioren sich hier aufhalten würden. Aber dann sehen wir diese fitten Menschen ganz früh am morgen, sehen, wie sie sich körperlich und geistig betätigen und wie sie das Miteinander pflegen und wir bedauern, dass in unseren Regionen das Leben für ältere Menschen doch sehr viel anders aussieht: einsamer, behäbiger, abgeschiedener…

Mit diesen Eindrücken und beschwingt vom kleinen Sportprogramm marschieren wir weiter durch den Park – zum Bus, der uns zum nächsten Ziel unserer Reise führt: die Terrakottaarmee.

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