Augenblick, China: Von Frühstücksjagden und Vogelfutter

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir läuft ohne Essen gar nichts. Knurrt mein Magen, knurre ich. Ich habe sogar meiner Mutter zur Abwechslung mal zugehört, als sie mir auftrug, nie ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen. Nun ist das in Peking gar kein Problem, weil meine Küche voller guter Sachen ist: Müsli, Obst, frisches Brot… In Guizhou hingegen liefen wir aus dem Hotel heraus direkt zum nächsten Straßenstand und fanden dort schöne heiße Jiaozi (kleine Maultaschen), Baozi oder Nudelsuppentöpfe. – Magenstreik!

Ich bin, was Essen angeht, nun wirklich nicht zimperlich. Ich probiere zumindest alles erst einmal. Vielleicht nicht vollkommen unvoreingenommen oder ganz und gar ohne Grimassen, aber ich finde mich generell doch sehr experimentierfreudig.

Jiaozi Frühstück

Deshalb wagte ich mich zu unserem ersten Frühstück  in Guiyang auch hoch motiviert an meine kleine Schachtel mit dampfenden Straßenstand-Jiaozi. Die verschiedenen Füllungen aus Gemüse und Fleisch oder Garnelen dufteten himmlisch und schmeckten sogar noch besser. Den Gedanken an die Cornflakes daheim ließ ich gar nicht erst aufkommen.

Eine halbe Stunde später machte mir mein Magen allerdings klar, dass mein Feinschmeckergemüt ein winziges Detail übersehen hatte: Nicht alle Mägen können mit der chinesischen Leidenschaft für vollwertige Küche früh morgens um 7:00 Uhr mithalten. Mein eigener zumindest legte sich in bleiernes Schweigen.

Ich fühlte mich wie der Wolf am Ende des Grimm’schen Märchens von den sieben Geißlein: Schwer und träge. Beim Ausblick auf die holprige Fahrt im Jeep und das anschließende Mittagessen wollte sich mein Magen noch einmal umdrehen, blieb aber auf Grund seiner Trägheit wie ein Wackerstein liegen. Ich schwor mir innerlich: Essen würde ich nie wieder!

Vogelfutter Mittag

Drei Stunden später muss mein Magen allerdings irgendwo zwischen den vielen Schlaglöchern eine Amnesie erlitten haben: er befahl knurrend nach Nachschub! Glücklicher Weise erreichten wir auch schon unseren Zielort, Anshun. Zeit fürs Mittagessen!

Oder so dachte ich, als wir uns um den runden Tisch herum niederließen. Zu den typischen Delikatessen Guizhous gehören die Sauerfischsuppe aus Miaoling, die Wangchang-Nudeln aus Guiyang und der Maotai-Schnaps, der als Chinas Staatsschnaps weltbekannt ist. Ich konnte es kaum erwarten.

Die ersten Teller kamen auch prompt und brachten uns Berge von etwas, das mein Großvater verächtlich als Vogelfutter bezeichnet hätte: Sonnenblumenkerne. Versiertere Chinareisende hätten wahrscheinlich etwas mit diesen anzufangen gewusst. Ich dagegen muss ziemlich offensichtlich wie ein Reh im Scheinwerferlicht ausgesehen haben, denn meine Begleiter lachten herzlich, bevor sie mir zeigten, wie ich mit ein bisschen Knabbern hier und ein bisschen Pulen da an die Kerne kommen würde.

Obwohl oder vielleicht weil es noch eine Stunde bis zum eigentlichen Mittagessen brauchte, muss ich sagen, dass ich diese kleinen Snacks doch sehr lieb gewonnen habe.  An das Schlachtfeld übrig gebliebener Sonnenblumenkernschalen neben den Tellern gewöhnt man sich auch.

Für Sie schreibt: Anne Gonschorek

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.