Peking 360°: Sonntags im Park

Yao Ming strauchelt, fängt sich aber wieder und läuft schließlich über die Ziellinie. Er nimmt den Helm ab, dreht den Kopf und begutachtet  noch einmal den kleinen Parcours, den er soeben fast ohne Fehler überstanden hat. Yao Ming, der eigentlich Li Sheng heißt und mit Chinas Basketballlegende auf den ersten Blick rein gar nichts gemein hat, es aber “cooler” findet, wenn die ausländische Tante in deren Blogeintrag er heute die Hauptrolle spielen wird, den Namen auf seinem T-Shirt verwendet, lässt sich zufrieden ausrollern. “Gar nicht schlecht, versuch es nochmal”, ruft sein Trainer und setzt ihm den eben abgenommenen Helm wieder schwungvoll auf den Kopf.

Brücke im Grand View Garden

Jeden Sonntag lernt er hier  im Park Skateboarden. Und wie jeden Sonntag tut er dies vor einer bunten Klangulisse: Aus den Lautsprechern entlang der Wege dudeln chinesische Volksweisen, einige haben  den Kasettenrekorder aufgedreht, ein Mikrophon angestöpselt und lassen jeden, der möchte, mitsingen. Wenige Schritte weiter links probiert sich jemand am Saxophon, von der Tischgruppe in der Nähe eines Pavillions weht das Klappern der Schach- und Mahjongsteine herüber und auf einem kleinen Platz in der Mitte des Parks dirigiert Frau Chen mit Flüstertüte  die Teilnehmer ihrer Tanzgruppe in die richtige Richtung (“Den Fuß kräftiger aufsetzen!”, “Erst der lange Schritt, dann die Drehung!”).

Trotzdem findet sich in all dem Gewusel eine gewisse Stille. Lernen, meditieren oder einfach nur spazieren gehen und die Gartenlandschaft genießen – Pekings Parks sind die Fluchtpunkte abseits der Hauptverkehrsadern, ein Stück Lebensqualität, und man wird das Gefühl nicht los, es sei gleichzeitig laut und leise.

Posieren fürs Hochzeitsfoto im Taoranting Park
Posieren fürs Hochzeitsfoto im Taoranting Park

Die Hauptstädter schätzen ihre Parks, in denen man seine morgendlichen Taiji-Übungen machen kann, oder in denen man den Sonntag mit der Familie verbringt, in denen man für Hochzeitsfotos posiert oder – damit man bald posieren kann – den Lebenslauf seines Kindes im heiratsfähigen Alter an den Baum hängt und auf Antwort hofft.

Chinas flächenmäßig größter Park ist der im Norden Pekings gelegene Sommerpalast. Für die Reise in die Vergangenheit sollten Sie allerdings genügend Zeit einplanen, denn neben den ehemaligen Wohnkomplexen der Kaiserfamilie, Tempeln, Pagoden, dem Kunming See mit seiner 17-Tor-Brücke und dem imposanten Marmorboot der Kaiserinwitwe Cixi sowie der bezaubernden Suzhou-Straße gibt es m ehemaligen “Garten” der Kaiserfamilie noch eine ganze Reihe spannender Plätze zu entdecken.

Pause im Sommerpalast

Das Markenzeichen des  Beihai-Parks ist die 36 m hohe weiße Pagode, die auf der Jade Insel etwa in der Mitte des Parks. Die Bezeichnung “Park” stimmt in diesem Fall auch nicht so ganz, denn der Name Beihai (nördlicher See) bezeichnet eigentlich nur einen der drei Seen im Nordwesten der Verbotenen Stadt. Bei einem Spaziergang entlang der Tempelkomplexe, Säulengänge und Pavillions trifft man sehr häufig auf Kalligraphen, die ihre Werke nicht mit Tusche, sondern mit Wasser auf die Steine pinseln. Vom Kohlehügel im Jingshan-Park haben Sie nicht nur einen guten Blick auf die Dächer der Verbotene Stadt, sondern an einem klaren Tag auch über ganz Peking.

Frühaufsteher, die miterleben möchten, wie man in der Hauptstadt den Tag beginnt und das Stadtzentrum vor der morgendlichen Rushhour genießen wollen, sind im direkt am Tiananmen Platz gelegenen Zhongshan-Park gut aufgehoben.

Taoranting-Park Peking

Auch am Sonntag kann es hier hoch her gehen, denn dann findet hier ein “Heiratsmarkt” statt. Und mit ein bisschen Glück können Sie hier auch Yao Ming und seine Skateboard-Künste bewundern.

Neben diesen Klassikern finden sich über ganz Peking verteilt besuchenswerte Alternativen. Meine Tipps:

Yu Yuan Tan-Park: Sein Name verheißt besonders sauberes, klares Wasser. In der Yuan Dynastie (1271-1368)  war dieser See bekannt als Habitat für eine Vielzahl verschiedener Vogelarten. Heute lockt insbesondere die Kulisse rund um den See, die vom Ausblick auf den (angestrahlten) Fernsehturm komplementiert wird, was den Park besonders abends zu einem lohnenswerten Ausflugsziel macht. Vor allem im Frühjahr lohnt ein Abstecher hierher, denn dann können Sie die Kirschblüten bewundern.

Taoranting: In Pekings Südstadt befindet sich diese charmante Gartenanlage, die zu Unrecht von den meisten Pekingbesuchern übersehen wird. Mit der Metrolinie 4 ist der Park mit über 200 jähriger Geschichte bequem zu erreichen. Mit seinen Seerosen- und Lotus-Teichen, “versteckten” Pavillions und geheimnisvollen Steinkreationen ist er eine gerne genommene Kulisse für Hochzeitsfotos.

 

Zi Zhu Yuan: Bei der Übersetzung des Namens scheiden sich die Geister und so kann es sein, dass  Sie bei Verkehrsschildern und Karten auf zwei Namen (Black Bamboo Park bzw. Purple Bamboo Park) stoßen. Davon sollten Sie sich aber nicht abschrecken lassen, denn ob er nun schwarz oder lila ist der Bambus tut dem Gesamtergebnis wenig Abbruch: Einen Spaziergang durch die liebevoll gestallteten “Ruheoasen” in den Bambushainen sollten Sie auf alle Fälle einplanen. Dabei können Sie gleich überprüfen, ob das Zitat “Wer einmal den Bambuswald betritt, möchte nie wieder hinaus”, dass Sie am Eingang empfängt, auch auf Sie zutrifft. Sie können auch die “Mond-Insel” entdecken, sich durch ein Labyrinth aus Bambus raten oder sich entlang der gewundenen Steinbrücken einen Weg durch das Lotus-Meer bahnen oder selbiges per Boot erkunden. Und obwohl die Hochhäuser im Hintergrund immer present sind, sind sie doch auf einmal ganz weit weg…

Olympic Green: Sie haben das Vogelnest gesehen, das Aquarium bewundert und tapfer das Beijing Huanying Ni (Willkommen in Peking) Gedudel aus den Lautsprechern ertragen? Denn sind Sie bereit für wirklich olympische Ausmaße. Immer entlang der Mittelachse, die sich durch ganz Peking zieht und hier hinter dem Olympiagelände endet, erreichen Sie das Olympic Green (Wer angesichts des riesigen Areals lieber ein wenig Kräfte spart, kann die Strecke auch mit der Olympia Linie zurücklegen). Was anfangs noch wenig spektakulär wirkt, verwandelt sich bald in eine Welt, in der die Regeln des Fengshui herrschen. Und auch, wenn der Aufstieg an der ein oder anderen Stelle etwas schwer fällt, halten Sie durch. Der Blick, mit dem Sie belohnt werden, könnte zu einer der schönsten Erinnerungen an ihren Pekingaufenthalt werden.

Grand View Garden

Grand View Garden: Es ist das berühmteste Buch der chinesische Welt, der Roman “Traum der roten Kammer”. Der Garten zum Buch ist trotzdem immer noch ein echter Geheimtipp. 1984 wurde er nach den Vorgaben im Roman angelegt, um als Filmkulisse für die gleichnamige Fernsehserie zu dienen. Heute sind einige der Gebäudekomplexe zu Museen umfunktioniert, in denen Sie sich ausführlich zu Roman, Autor, Figuren und Verfilmung informieren können. Das eigentlich Interessante ist aber  natürlich die Gartenanlage selbst, die ihrem Namen mehr als gerecht wird. Ein Spaziergang durch die Filmkulisse verspricht nicht nur schöne Erinnerungsfotos, sondern auch viel Zeit zum träumen.

Andreas Flück

Für Sie schreibt: Andreas Flück

Unser Vollprofi in Sachen Rollende Reisen: Von Motorradreisen, über Busreisen und Oldtimer-Rallyes, Andreas macht es möglich und bringt euch sicher an euer Ziel.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.