Ein Berg, eine Niederlage und viele nette Begegnungen

Amnye Machen ist der höchste Berg der Erde. So dachten jedenfalls die ersten westlichen Entdecker in den 1930er Jahren. Mittlerweile weiß man, dass der Berg mit einer Höhe von 6.282m nicht einmal entfernt an diese Auszeichnung heranreicht, doch dies schmälert seine Bedeutung, die er als heiliger Berg für die Tibeter hat, in keinster Weise.

Verfasst von Lukas Weber

Gemeinsam mit meinem englischen Freund Gareth Boyes, der seit zwei Jahren in Shanghai lebt, bin ich unterwegs in der Provinz Qinghai. Einem Gebiet das hauptsächlich von Tibetern besiedelt ist – wenn auch nur äußerst spärlich. Über hunderte Kilometer zieht sich der Highway 214 durch absolutes Niemandsland. Eine endlose, fast wüstenartige Weite auf über 3.000m Seehöhe.

Unser Ziel ist der heilige Berg Amnye Machen (啊尼玛卿山), was im Tibetischen so viel wie „schneebedeckter Berg“ bedeutet. Er ist das osttibetische Pendant zum westtibetischen Kailash, den die Pilger aufsuchen, um während  einer traditionellen Umrundung im Uhrzeigersinn (Kora) ihr negatives Karma abzubauen.

Erstaunlich heilig, erstaunlich unbekannt

Wir wissen im Vorfeld nicht viel, nur dass die Umrundung in etwa 7 Tage in Anspruch nimmt und fast die gesamte Strecke auf über 4.000 Höhenmeter verläuft. Da es sich um eine traditionelle Pilgerroute handelt, sind wir sicher, dass wir die einzelnen Teilstücke der Route abschnittsweise in Unterkünften entlang des Weges erfragen können.

Per Anhalter gelangen wir in das verschlafene Örtchen Xiadawu (下大武), wo wir mit Erstaunen feststellen, dass kaum jemand der chinesischen Sprache mächtig ist. Genaue Informationen über den Verlauf der Pilgerroute sind hier beim besten Willen nicht zu kriegen. Daher unternehmen wir noch am selben Tag einen Ausflug in eine 8km entfernt gelegene Klosterschule, wo wir uns bessere Auskünfte erhoffen. Da wir aber auch den Weg dorthin nicht genau kennen, verpassen wir die einzige Brücke über den Fluss und müssen ihn barfuss durchwaten. Das Abenteuer, nach dem wir gesucht haben, hat bereits begonnen.

In der Klosterschule angekommen, werden wir augenblicklich von neugierigen Kindern und Jugendlichen umringt. Einer von ihnen hat die Kora bereits unternommen und meint beruhigend, dass die nächste Stadt sich gleich hinter dem vor uns liegenden Hügel befinde. Wenn wir zeitig aufbrechen, könnten wir bis zum Mittag in Xueshanxiang (雪山乡) ankommen.

In die Einsamkeit

Nach einer sternklaren Nacht geht am nächsten Tag endlich die Wanderung los. Frohgemut marschieren wir die staubige Piste entlang und schon bald liegt die Klosterschule weit hinter uns. Zu unserer Rechten türmt sich das Amnye Machen Massiv auf, doch der Hauptgipfel ist noch nicht zu sehen.

Zuerst passieren wir noch ab und zu ein vereinzeltes Bauernhaus, doch ab einer Höhe von 4.300m hat es auch mit den menschlichen Behausungen ein Ende. Wir sind völlig allein inmitten der schweigenden Naturgewalt. Blauer Himmel über uns, schneebedeckte Berggipfel vor uns, graue Felsen zu unseren Seiten und gelblich vertrocknetes Gras unter unseren Füßen. Die Schlichtheit der Farben, der Minimalismus, die Stille und Einsamkeit der Weite, die Ruhe in der Atmosphäre, all dies ist schlichtweg beeindruckend und gleichzeitig – für den im Nichts verlorenen Zivilisationsmenschen – bedrückend.

Mittag ist längst vorüber und noch immer führt uns der Weg bergan. Während sich hinter uns eine spektakuläre Aussicht über hunderte Kilometer Hochplateau bietet, sehen wir vor uns stets immer nur den nächsten Hügel hinter dem sich wieder und wieder ein noch höherer befindet. Inzwischen stapfen wir durch matschigen Schnee und obwohl die Sonne scheint, ist es auf dieser Höhe empfindlich kalt. Auch das Atmen bereitet Mühe.

Kein Ankommen in Sicht

26km liegen hinter uns, das GPS zeigt 4.608m Seehöhe an. Von wehenden Gebetsflaggen umgeben stehen wir endlich auf dem höchsten Punkt des Pilgerweges. Zum Greifen nahe scheinen die gleißenden Gletscher des Amnye Machen, ein goldener Stupa glänzt in der Sonne und auf der anderen Seite der Hügelkuppe sehen wir – nichts. Keine Stadt, kein Dorf, nicht ein einziges Haus. Nur endlose, schneebedeckte Einsamkeit, soweit das Auge reicht.

Es ist bereits spät am Nachmittag und langsam bereitet uns der Gedanke an eine mögliche Nacht im Freien Sorgen. So schnell wie möglich marschieren wir talwärts, doch immer öfter verlangen unsere müden Beine nach Pausen.

Wir sind inzwischen seit elf Stunden in der dünnen Höhenluft unterwegs und haben laut GPS eine Strecke 39km zurückgelegt. Die Sonne droht bereits hinter der Bergkuppe zu verschwinden und inständig beginne ich zu hoffen, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit eine Unterkunft finden werden. Was sich der junge Klosterschüler wohl dachte, als er uns so mir nichts dir nichts in die Wildnis schickte?

Doch plötzlich sehen wir in der Ferne vor uns einen Jeep. Wir beginnen zu laufen und können ihn gerade noch rechtzeitig einholen. Es ist unser Glück, denn bis in den Ort Xueshanxiang, so erfahren wir von dem Jeepfahrer, sind es noch einmal 30km. Obwohl er eigentlich gar nicht dorthin muss, fährt uns der freundliche Tibeter den ganzen Weg nach Xueshanxiang, wo wir problemlos eine Unterkunft für die Nacht zu finden glauben. Doch auch hier irren wir.

Eine Nacht auf der Polizeistation

Für gewöhnlich bedarf ein Zimmervermieter einer speziellen Genehmigung, um Ausländer beherbergen zu dürfen. Doch nimmt man dies, wie ich aus Erfahrung weiß, in abgelegenen Gegenden oft nicht so genau. Nicht so in Xueshanxiang, wo das einzige nennenswerte Gebäude eine Polizeistation ist, welche eben diese Ausländergenehmigung streng kontrolliert. Verzweifelt irren wir durch die Straßen und finden, müde wie wir sind, keinen Platz um uns auszuruhen. Doch schließlich ist es die Polizei selbst, die uns zu Hilfe kommt, bzw. ihre Kollegen von der Bewaldungs- und Naturschutzbehörde, die im selben Gebäude untergebracht ist.

Kurzerhand bieten sie uns an, die Nacht in ihrem Büro zu verbringen. Ein Vorschlag den wir nur zu gerne annehmen. Anschließend laden sie uns zu einem köstlichen Essen ein und bestehen, obwohl wir zum Umfallen müde sind, darauf, dass wir unsere Zusammenkunft noch mit einigen Bieren begießen. Es ist ein fröhlicher Abend mit ausgesprochen netten Menschen, aber am glücklichsten bin ich dann doch als ich endlich in meinen Schlafsack kriechen kann.

Der nächste Tag bietet einige plötzliche Änderungen unseres ursprünglichen Planes, den Amnye Machen zu umrunden. Niemand kann uns Auskunft geben, wo und ob entlang des nächsten Wegstückes eine Unterkunft zu finden sein wird. Wir wissen nur, dass uns siebzig weitere Kilometer von unserem Ausgangspunkt trennen und dass auf dieser Strecke garantiert kein Auto fahren wird, das uns zur Not, wie am Vortag, mitnehmen könnte. Darüber hinaus scheine ich mir bei den gestrigen Anstrengungen ein Band gezerrt zu haben und kann daher nur langsam gehen. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das Vorhaben der Umrundung abzubrechen und motorisiert nach Xiadawu zurückzukehren.

Der größte von allen

Wir finden zwei junge Tibeter, die bereit sind, uns auf ihren Motorrädern zu transportieren. In gefährlichem Tempo, natürlich ohne Helm, rasen wir die Holperpiste nach Xiaduwu entlang. So rasant die Tibeter auch fahren, so oft bleiben sie unterwegs aber auch stehen. Einmal helfen wir – mitten in der schönsten Naturlandschaft – eine Waschmaschine aus einem Jeep zu laden, die mit Hilfe eines Generators am nahebei gelegenen Fluss in Betrieb genommen wird. Dann wiederum bleiben wir stehen um Leute zu grüßen oder um andere Jugendliche einzuladen, uns mit ihren Motorrädern zu begleiten, so dass es schließlich eine ganze Motorrad-Gang ist, die die Bergstraße zum Pass hinauf prescht.

Ich habe dabei alle Mühe, mich auf dem Motorrad zu halten. Mein Rucksack schwankt von einer Seite zur andern und darüber hinaus müssen die Jugendlichen sich mit ihren Fahrmanövern derartig gegenseitig imponieren, dass mein Fahrer zweimal die Kontrolle über das Motorrad verliert und wir von der Straße abkommen. Glücklicherweise nicht gerade an den halsbrecherisch steil abfallenden Stellen.

Doch inmitten der adrenalingepeitschten Aufregung bleibt mir trotzdem noch der eine oder andere Blick auf die malerische Landschaft und gerade als sich die Sonne dem Mittag nähert, sehe ich ihn vor mir: Machen Kangri (玛卿岗日 ). Der 6.282m hohe Hauptgipfel des Amnye Machen, auf dem der Berggott Machen Pomra seine Residenz hat. Ein spitzer, schneeweißer Kegel, überragt er all die anderen Gipfel des mächtigen Massivs, dessen Längsseite wir am Vortag bewandert haben. Ich weiß nicht, ob dort oben wirklich eine Gottheit wohnt, aber eines ist mir klar: Unter Bergen ist dieser Berg selbst ein Gott.

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Für Sie schreibt: China Tours

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