Nanjing: Geschichte trifft modernen Zeitgeist

Die Geschichte der ehemaligen chinesischen Hauptstadt Nanjing ist gespickt mit historisch-politischen Ereignissen und Umschlagplatz von Entscheidungen, die wegweisend für die politische Entwicklung des gesamten Landes waren.

Nanjing fungierte das letzte Mal 1912 als Hauptstadt, als Sun Yat-Sen 孙中山 die Präsidentschaft der Republik annahm. Nachdem jedoch Yuan Shikai 袁世凯 am 14. Februar desselben Jahres die Rolle des Präsidenten übernahm, wurde die chinesische Regierung nach Peking verlegt. Nichts desto trotz blieb die Stadt unter den politischen Bemühungen Chiang Kai-sheks 蒋介石 während der Periode von Nanjing (1927 bis 1937) und der Invasion Japans 1937 Umschlagplatz historischer Geschehnisse.

Doch welchen Eindruck vermittelt Nanjing nach all den Jahren in der heutigen Zeit. Fest steht, dass es sich um eine moderne Stadt handelt, die ihre historischen Kulturgüter bewahrt und den Spagat zwischen einem dynamischen Zeitgeist und der Möglichkeit idyllischer Erholung schafft.

Spuren der Vergangenheit

Die Invasion Japans 1937 hat Nanjing besonders schwer getroffen und die Eindrücke des Massakers 南京大屠杀 sind gerade bei der älteren Generation noch tief verwurzelt. Eindrücke die in einem sehenswerten Museum festgehalten werden, das zur gleichen Zeit über die Geschehnisse der japanischen Besetzung berichtet und als Gedenkstätte der gefallenen chinesischen Opfer dient. Nimmt sich der Besucher die Zeit alle Ausstellungsstücke und Berichte zu verinnerlichen, werden ihm in drei bis vier Stunden beklemmender Stimmung die Leiden der damaligen Bevölkerung nahe gebracht.

Besonders interessant werden die Aufzeichnungen zum deutschen Kaufmann John Rabe für den deutschen Besucher sein, der während der japanischen Invasion in Nanjing lebte. Rabe wurde durch seine humanitären Bemühungen während der japanischen Invasion bekannt und erfährt unter der Bevölkerung von Nanjing großes Ansehen für seine Taten. Sie nennen ihn auch den „guten Menschen von Nanjing“ 南京好人. Seine Residenz im Stadtzentrum ist für Besucher zugänglich, die sich ausführlich über Rabe und sein Leben in Nanjing informieren wollen. Sein Haus befindet sich direkt neben der Nanjing Universität Ecke Guangzhou Road 广州路 und Zhujiang Road 珠江路 im Gulou Bezirk 鼓楼区.

Allee zum Grab von Hongwu

Die Gräber eines Kaisers und eines Präsidenten

Weitere historische Reiseziele bieten die Purpurberge 紫金山 mit den Gräbern des ersten Kaisers der Ming-Dynastie 明朝 Hongwu 洪武 (1368- 1398; Geburtsname: Zhu Yuanzhang 朱元璋) und das Sun Yat-Sen Mausoleum 中山陵. Noch heute führt die damals erbaute Allee aus steinernen Tierstatuen zum Grab des Gründers der Ming-Dynastie. Viele Touristen nutzen die Zeit, um mit ihren Kindern Fotos vor oder auf den Statuen zu machen.

Um das Mausoleum Sun Yat-Sens zu besuchen, sollte man allerdings viel Ausdauer mitbringen. Denn nach dem anfänglichen Pavillon sind 392 Stufen einer 480 Meter langen und 50 Meter breiten Treppe zu erklimmen, bevor man das eigentliche Mausoleum erreicht. Oben angekommen können die Besucher die Gedenkanlage betreten und in dessen Vorraum eine 4,60 Meter hohe Statue aus weißem Marmor des ersten Präsidenten der Republik China betrachten. Bei klaren Wetterverhältnissen wird neben dem Denkmal auch ein beeindruckender Ausblick über die Stadt Nanjing geboten. In der Ferne wirkt die Stadt ruhig und hinterlässt in der Silhouette der untergehenden Sonne einen idyllischen Eindruck.

Sun Yat-Sen Mausoleum

Der längste Fluss Chinas

Der Yangzi-Fluss 长江 ist Chinas längster Fluss und durchquert die Stadt Nanjing im nördlichen Teil. Er bildet auch die sogenannte „Heizungsgrenze“, eine damals von Mao Zedong 毛泽东 eingeführte Strategie Energiekosten einzusparen. Während China nördliche des Flusses mit gewöhnlichen Heizkörpern und Gas versorgt wird, wärmt sich der südliche Teil über den Winter mit dicker Kleidung und mobilen elektrischen Heizkörpern oder warmer Luft aus den Klimaanlagen der Wohnungen. Nicht weit voneinander entfernt, befinden sich am Yangzi-Fluss der Region Nanjing zwei weitere historische Sehenswürdigkeiten. Dabei handelt es sich um den Löwenbergpark 狮子山公园 und die Nanjing-Brücke 南京长江大桥.

Auf dem Löwenberg befindet sich der Yuejianglou Turm 阅江楼, dessen Bau vom ersten Ming-Kaiser Hongwu in Auftrag gegeben wurde. Allerdings wurde der Bau aus nicht geklärten Gründen nie fertig gestellt. Im Jahr 2001 nahm sich die Regierung von Nanjing dem Bau an und vollendete das Projekt. Der Turm begeistert mit seinem beeindruckenden architektonischen Stil, seinem Weitblick über den Yangzi-Fluss und die Stadt Nanjing sowie einer Ausstellung zum historischen Seefahrer Zhenghe 郑和. Zhenghe lebte von 1371 bis 1434. Er war Eunuch, Seefahrer und Entdecker. Nachdem er wichtige militärische Ämter bekleidet hatte, leitete er sieben Expeditionen zur See. Die Expeditionen bestanden aus mehreren Dschunken, auf denen mehr als 20.000 Personen befördert wurden. Sie schienen sämtliche Erwartungen erfüllt zu haben, da Chinas Prestige in allen Meeren Ostasiens, auf den Inseln und Halbinseln im Südosten und im Indischen Ozean gewaltig anstieg. Folglich dehnte sich der Handel mit allen Staaten dieser Regionen in Form von Tributlieferungen rasch aus.

Shizishan

Die Nanjing-Brücke wurde 1968 fertiggestellt und ist die erste doppelstöckige Brücke, die ausschließlich von Chinesen in China entworfen wurde. Das Oberdeck übernimmt die Funktion der Autobahn und misst eine Länge von 4.589 Metern und Breite von 15 Metern. Das Unterdeck ist für die Eisenbahn mit einer Länge von 6.772 Metern. Der Hauptteil der Brücke überspannt 1.557 Meter. An beiden Enden der Brücke stehen jeweils zehn Meter hohe Skulpturen. Diese symbolisieren Arbeit, Bauern, Soldaten, Studenten und Geschäftsmänner. Leitbilder der Kulturrevolution unter Mao Zedong von 1966 bis 1976.

Präsidentenpalast

Zu guter Letzt ist der Präsidentenpalast 总统府 zu nennen. Nach der Xinhai-Revolution 辛亥革命 im Jahr 1911 wurde Sun Yat-Sen zum Antritt des provisorischen Präsidenten der Republik China an diesem Ort vereidigt. Nachdem China in eine post-revolutionäre Ära verfallen war, blieb das Anwesen vorerst ungenutzt. Erst 1927, als die Guomindang nach der nördlichen Expedition Nanjing eroberte, quartierte sich Chiang Kai-shek mit seiner Partei im Palast ein und erklärte dieses zum offiziellen Hauptquartier.

Heute lassen sich alle Räume in dem sehr gut erhaltenen Präsidentenpalast begehen und das Anwesen überzeugt mit seinem weitreichenden Areal mitten im Stadtkern von Nanjing. Zentral gelegen befinden sich die ehemalige Regierung der Republik China, der Präsidentenhof und untergeordnete Behörden. Im Westen liegen das Büro von Sun Yat-Sen, das Sekretariat, der Westgarten und der Generalstab. Im Osten befinden sich ein Pferdestall und der große Ostgarten. Der Palast liegt in der Nähe des heutigen Partyviertels „1912“.

„1912“: Zeit zum Ausgehen

Das „1912“ ist ein Vergnügungsviertel in der Nähe es Präsidentenpalast und trägt das Jahr der Gründung der Republik China als Namen. Tagsüber sind vor allem die schicken Restaurants zu empfehlen, die zur höheren Klasse gehören. Die Preise der Gerichte lassen sich mit denen in westlichen Restaurants vergleichen und sind für lokale Verhältnisse teurer. Vorwiegend lassen sich Lokalitäten finden, die die chinesische oder japanische Küche anbieten. Während es tagsüber eher ruhig zugeht, findet im „1912“ abends das Partyleben statt und neben Karaoke-Bars öffnen viele Bars und Clubs ihre Türen.

Ein besonderer Geheimtipp und zwischen den Gassen nicht leicht zu finden, ist die „Zuo“-Bar 坐吧. Sie bietet neben vier Sitznischen und dem Bartresen nicht viel Platz, lädt aber umso mehr durch ihren Stil ein. In einem ruhigen Ambiente überzeugt der japanische Besitzer und Barkeeper mit seiner stets akkuraten Haltung, Gestik und Art die Getränke zu servieren. Hier sitzt jeder Handgriff bis ins kleinste Detail. Wer es ein wenig lauter mag, sollte einen der Clubs wie das „Phoebe“ oder „TNT“ aufsuchen. Hier feiern die Besucher zu modernem Bass und Beats ihr Wochenende.

Fernab des „1912“ ist ein weiterer Geheimtipp zu erwähnen. Versteckt im 78. Stockwerk des Zifeng Tower 紫峰大厦 im Gulou-Bezirk befindet sich eine Bar, die einen mehr als fantastischen Ausblick bietet. Die Bar ist über die Lobby des Intercontinental Hotel im Tower und dessen Aufzüge zu erreichen. Ist der Besucher angekommen, findet er sich in einer stilvollen Lounge über den Wolken von Nanjing wieder. Die Lounge präsentiert einen westlichen Stil und auch die Preise der Cocktails sind die eher gehobenen. So kostet ein Cocktail um die zehn Euro.

Kulinarische Vielfalt

Zum Trinken gehört auch das Essen. So bietet Nanjing viele verschiedene Möglichkeiten, die Küche aus verschiedenen Ländern zu genießen. Doch vor allem überzeugen Restaurants mit landestypischen Gerichten, aber auch die Lokalitäten mit japanischen, koreanischen und vietnamesischen Speisen machen Lust auf mehr. Ein besonderes Highlight, und oft Treffpunkt der Auslandsstudenten, ist das Tairyo Teppanyaki auf der Zhongshan Road 中山路 gegenüber vom Deji Plaza Shoppingcenter 德基广场. Die Köche des Tairyo Teppanyaka bereiten die japanischen Speisen direkt vor den Augen der Gäste zu und sind nebenbei auch offen für Fragen und Gespräche. Neben einem hervorragenden Sushi glänzen gerade die gegrillten Fisch- und Fleischgerichte.

Das Niveau der Gerichte ist hoch, obwohl es sich um ein „All you can eat“-Angebot handelt. Richtig, mit einem Preis von knapp 18 Euro werden so viele Speisen zubereitet, wie man essen kann. Und die Getränke sind ebenfalls im Preis enthalten, 0,5 Liter Michshakes wie auch chinesische und japanische Spirituosen. Bevorzugen Besucher eher koreanisches Essen, so empfiehlt sich ein koreanisches BBQ, das Yizhiji South Korean Restaurant, auf der Shiziqiao Pedestrian Street 狮子桥步行街, eine Touristenstraße mit vielen interessanten Lokalitäten. Zahlreiche traditionelle chinesische Restaurants wie auch zwei sehr gute Hot-Pot-Restaurants 火锅餐厅 sind ebenfalls vertreten. Ein weiteres leckeres und gut besuchtes koreanisches Restaurant ist das Yueying Korean Restaurant 月影韩国餐厅 auf der Shanghai Road 上海路. Hier gibt es kein BBQ aber dafür Gerichte wie Bibimbap.

Xuanwuhu

Parks und Grünanlagen

Das positiv Besondere der ehemaligen chinesischen Hauptstadt ist die Balance zwischen dem lauten und überfüllten Stadtleben und der Möglichkeit, in den zahlreichen Park- und Grünanlagen Ruhe zu finden. Der Bazishan Park 八字山公园 ist ein nur kleiner aber sehr gepflegter Park auf einem kleinen Berg nördlich vom Stadtzentrum. Hier kommen viele ältere Bewohner hin, um Ruhe zu finden und sich auf sportliche Übungen wie Fitness und Kung-Fu zu konzentrieren.

Der Xuanwu-See 玄武湖 ist mit einer Fläche von 4,44 km² der größte See in Nanjing. Die Anlage ist an der alten Stadtmauer um den See herum begehbar oder aber über die vielen kleinen Inseln auf der Seemitte. Tretbootfahrten und Ausstellungen wie auch ein kleiner botanischer Garten laden zu verschiedenen Aktivitäten ein. Die wohl größte Möglichkeit für eine Fahrt ins Grüne bieten die bereits erwähnten Purpurberge. Neben geplant angelegten Analgen, dem Mausoleum Sun Yat-Sens, einem See in den Bergen und einem großen botanischen Garten hat der Besucher an vielen Stellen noch die Möglichkeit, unberührte Natur zu erleben. Obwohl die Berge nicht fern der Stadt sind, erblickt das aufmerksame Auge noch Wild, das sich im Dickicht des Waldes versteckt.

Zijinshan

Nanjing ist eine Stadt mit vielen Besonderheiten und nur einige werden hier genannt. An vielen Orten gibt es die Möglichkeit, die chinesische Geschichte aufzuarbeiten. Oft handelt es sich dabei sogar um entscheidende und zukunftsweisende Momente, die China mit zu dem machten, was es heute ist. Gezeichnet durch einen schnelllebigen Zeitgeist und immer wiederkehrende urbane Umstrukturierungen kann einem die Stadt den Atem nehmen. Allerdings schafft sie mit einem Angebot an Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten den entscheidenden Ausgleich und erzeugt dadurch ein harmonisches Stadtleben, das Besucher und Auslandsstudenten gleichermaßen willkommen heißt.

China_Individualreisen

Für Sie schreibt: Patrick Müsker

Sinologe M.A., Übersetzer,
Interkulturelle Beratung,
Delegationsbetreuung, Blog-Redakteur

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