Jingdezhen – Die Porzellan-Hauptstadt Chinas

Die Stadt Jingdezhen 景德镇 gilt bereits seit der Westlichen Han-Dynastie (206 v.Chr. bis 9 n. Chr.) als eines der wichtigsten Zentren für die Keramikherstellung in China. Jingdezhen befindet sich in der Provinz Jiangxi 江西 im Südosten von China direkt am Yangtze-Fluss 长江. Schon bei der Anreise trifft man auf die erste Attraktion – die gesamte Fassade des Luojia Airports ist aus Porzellan gefertigt. Die Stadt Jingdezhen hat 1,6 Millionen Einwohner und blickt auf eine über 2000-jährige Geschichte zurück.

Ihren heutigen Namen verdankt Jingdezhen Kaiser Zhenzong 真宗 (reg. 997-1022) der Song-Dynastie, der dort die Herstellung des Porzellans in besonders hohem Maß förderte. Er machte die Stadt zur Produktionsstätte für kaiserliches Porzellan und benannte sie im Jahr 1004 von Changnanzhen 昌南鎮 in Jingdezhen um. Jingde 景德 ist der Name einer Regierungsperiode des Kaisers Zhenzong, der sich auf seine Großzügigkeit und Tugend bezieht. Jingdezhen ist seitdem zur bedeutendsten Porzellanmanufaktur in ganz China aufgestiegen und stellte über 900 Jahre lang – bis zum Ende der Kaiserzeit – das Porzellan für den chinesischen Kaiserhof her. Obwohl Jingdezhen im 20. Jahrhundert in den Rang einer bezirksfreien Stadt erhoben wurde, behielt es zur Ehrung seiner Geschichte die Bezeichnung zhen 镇 („Großgemeinde“) bei.

Die direkte Lage am Yangtze, dem längsten Fluss Chinas, bot günstige Bedingungen für den Handel und den sicheren Transport des berühmten „Weißen Goldes“. Von Jingdezhen aus gelangte die wertvolle Fracht nicht nur an den Kaiserhof, sondern wurde in die ganze Welt exportiert. Die reichen Kaolin-Vorkommen in der Umgebung der Stadt waren ideale Voraussetzungen für die Porzellanherstellung. Kaolin wird auch als Porzellan- oder Tonerde bezeichnet. Neben Petuntse und Quartz ist es einer der Hauptbestandteile in der Rezeptur des feinen Porzellans.

Geschichte des chinesischen Porzellans

Erfunden wurde das Porzellan in China. Es stellt einen sehr bedeutsamen Teil der chinesischen Kunst- und Kulturgeschichte dar. Die erste glasierte Keramik wurde in China bereits um 2000 v.Chr. gebrannt. Die Herstellung von chinesischem Porzellan hingegen ist vermutlich in die Han-Zeit zu datieren und somit etwa 2000 Jahre alt. Doch was sind die Merkmale von echtem chinesischem Porzellan?

Während bei uns im Westen die Transparenz des Porzellans ein typisches Unterscheidungsmerkmal zu Keramik aus Steingut oder Steinzeug darstellt, trifft dies auf China nicht unbedingt zu. In der chinesischen Kultur unterscheidet man zunächst zwischen heißgebranntem und kaltgebranntem Porzellan. Die Temperaturen schwanken dabei, je nach Zusammensetzung der Werkstoffe, zwischen 1250 und 1350 Grad. Unter anderem wird in China auch grobere Keramik, die nicht transparent ist, als Porzellan bezeichnet. Hauptmerkmal des chinesischen Porzellans ist in jedem Fall der typische helle Klang, der beim Anschlagen des Porzellans entsteht.

Blau-Weiß Porzellan

Die Geschmäcker im Stil des Porzellans waren während der verschiedenen Kaiserdynastien äußerst vielfältig. Im Ausland war die Stadt Jingdezhen vor allem für ihr berühmtes Blau-Weiß Porzellan bekannt. Hauptkennzeichen dieses Porzellans ist die Kobaltblaumalerei unter der Glasur. Es handelt sich bei Kobalt um einen mineralischen Werkstoff, der sehr wertvoll ist. Zeitweise musste China das Kobalt aus Vorderasien importieren, was es umso wertvoller machte. Das Kobaltblau verfärbt sich erst nach dem Brand blau und hat zuvor eine hellgraue Farbe. Daher ist es nicht ganz einfach, die Farbe präzise aufzutragen und erfordert ein hohes kunsthandwerkliches Geschick. Die Chinesen haben es schon früh zur Meisterschaft dieses traditionsreichen Handwerks gebracht.

Blau-Weiß Porzellan aus Jingdezhen, Szenen aus dem chinesischen Roman: "Das Westzimmer", Ming- und Qing-Dynastie
Blau-Weiß Porzellan aus Jingdezhen, Szenen aus dem chinesischen Roman: “Das Westzimmer”, Ming- und Qing-Dynastie (Museum für Ostasiatische Kunst Köln)

Sehenswürdigkeiten in Jingdezhen

Viele der Sehenswürdigkeiten in Chinas Porzellan-Hauptstadt 瓷都 stehen in Verbindung mit der dort produzierten Keramik. So gibt das Jingdezhen China Porzellan-Museum 景德镇中国陶瓷博物馆 einen breit gefächerten Gesamtüberblick über die Geschichte der chinesischen Keramik. Das Museum verfügt über keramische Meisterwerke vom Neolithikum bis in die heutige Zeit, die in sechs Ausstellungshallen chronologisch präsentiert werden. (Adresse: Zijing Nord Straße Nummer 1, Changnan Distrikt in Jingdezhen 景德镇 昌江区 紫晶北路1号)

Eine weitere Attraktion ist der Hutian-Brennofen 湖田, der zu den berühmtesten Keramikbrennöfen in Jingdezhen zählt. Bis zum Ende der Ming-Dynastie (1386-1644) war der Ofen eine bekannte Produktionsstätte für das berühmte Blau-Weiß Porzellan, bevor die Produktion endgültig eingestellt wurde. Auch der Yuyaochang-Brennofen 御窑厂 war einst eine bedeutsame Adresse in Bezug auf Keramikherstellung. Seit 1982 stehen beide Brennöfen auf der Liste der Denkmäler der Volksrepublik China.

Auch heute wird in Jingdezhen noch sehr viel Porzellan hergestellt. Auf der berühmten Antiken Porzellan Straße 古代瓷器街 direkt im Stadtzentrum bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, Porzellan anzuschauen oder zu kaufen. Der Kreativ-Markt, der jeden Samstag auf dem Gelände der alten Skulpturenfabrik stattfindet, ist ebenfalls eine gute Gelegenheit, um kostengünstig das ein oder andere Souvenir zu erwerben. Hier bieten junge Künstler und Studenten ihre originellen keramischen Werke an, die sich mitunter von der Massenware abheben. Die alte Skulpturenfabrik ist ein ehemaliger stillgelegter Staatsbetrieb, der heute als Szeneviertel unter den jungen Künstlern in Jingdezhen gilt.

Internationales Keramik- und Porzellanfestival

Seit 1990 findet in Jingdezhen jedes Jahr vom 1. bis zum 31. Oktober das Internationale Keramik- und Porzellanfestival statt. Neben keramischen Arbeiten bekannter zeitgenössischer Künstler können auch Ausstellungen antiker Keramiken bewundert werden. Besucher haben zudem die Möglichkeit, selber Keramiken zu fertigen. Der Markt bietet außerdem Demonstrationen der Produktion von echtem chinesischen Porzellan oder einer chinesischen Teezeremonie.

In der Umgebung von Jingdezhen befinden sich weitere interessante Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel die Huangshan 黄山 („Gelbe Berge“), die zu den schönsten Gebirgen in ganz China gehören. Auch lohnt sich ein Besuch im nahe gelegenen Kreis Wuyuan 婺源, der für seine kleinen Dörfer mit ihrer wunderbaren Landschaft und traditionellen Hui-Architektur berühmt ist.

 

Für Sie schreibt: Anna Sellmann

Sinologin M.A.

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