Qingming: Das chinesische Ahnenfest

Am Ostersonntag 2021 feiern die Chinesen das Qingming-Fest. Was bedeutet das genau?

Eines der wichtigsten Feste in China ist das Fest zum Gedenken an die Verstorbenen – das Qingming Fest (清明节). Es findet am 106. Tag des chinesischen Kalenders statt und fällt meist auf den 04. oder 05. April, selten aber auch auf den 06. April. Grund genug, dieses Mal nicht über schöne Reiseziele in China zu sprechen, sondern darüber zu berichten, wo das Fest eigentlich herkommt, wie sich Chinesen an diesem Tag des Gedenkens verhalten sowie welche Besonderheiten und Traditionen an diesem Tag zu beachten sind.

Warum ausgerechnet am 04.04.?

“Qingming” bedeutet im Deutschen “hell und klar”, weshalb das Totenfest auch als “Fest des Hellen Lichtes” bezeichnet wird.

Für die Chinesen bedeutet Zahlenmystik sehr viel. Das Wort für “Tod” ist 死 = sǐ. Das klingt fast genauso wie die Zahl 4 in Chinesisch: 四 = sì. Also steht der 4.04. für den Tag der Toten.

Die Bräuche um das Qingming Fest

Begangen wird der, erst seit 2008 offizielle, Feiertag seit über 2.500 Jahren. An diesem Tag werden die Gräber der Ahnen gesäubert und vor ihnen werden bestimmte Dinge platziert, die die Verstorbenen zu Lebzeiten mochten. Dies können Nahrungsmittel, Blumen und auch Gegenstände sein. Außerdem werden Räucherstäbchen, Geld und Gegenstände des täglichen Lebens aus Papier verbrannt.

Oft finden diese öffentlichen Feuer mitten auf der Straße statt. Zwar nicht genau in der Mitte, aber doch mit 1 bis 1,5 Metern Abstand zum Bordstein. Die Autos müssen dann im Slalom um die Feuerstellen fahren. Rund um das Verbrennen von Gegenständen hat sich eine ganze Industrie entwickelt.

Papierhaus, das zum Qingming Fest verbrannt wird
Papierhaus, das zum Qingming Fest verbrannt wird

War es früher üblich, echte Gegenstände und echtes Geld zu verbrennen, so ist sich der moderne Chinese dieser Verschwendung bewusst und weicht auf Papier aus. Inzwischen bieten Geschäfte – auch für Beerdigungen – ganze Häuser, Geld und Kleidung aus Papier an, sodass diese stellvertretend für die originalen Gegenstände verbrannt werden können, um den Ahnen zu gedenken.

Es mag vielleicht skurril erscheinen, aber statt richtigem Geld werden sogar Kreditkarten ins Feuer geworfen. Da haben die chinesischen Geschäftsleute viel Fantasie. Ich habe schon gesehen, dass ganze Häuser mit entsprechendem Mobiliar aus Papier verbrannt wurden – natürlich in verkleinerter Form und nicht in Originalgröße.

Warum nicht gleich zwei Festen gedenken?

Unter dem Tang-Kaiser Tang Xuanzong (唐玄宗, 685-762, reg. bis 756) gewann das Qingming Fest an Bedeutung. Seiner Meinung nach, könne man seine Ahnen nur am ersten Tag des Qingming Festes gebührend ehren.

Es gibt verschiedene Speisen, die gerne an diesem Tag gegessen werden. Dazu gehören süße grüne Reisbällchen, genannt Qingtuan. Diese aus Reismehl bestehenden und mit dem Saft grünen Gemüses geformten Bällchen werden mit einer typischen süßen Bohnenpaste gefüllt. Sie sehen aus, wie kleine Kugeln aus Jade.

Weiter gibt es einen frittierten Kuchen ebenfalls aus Reismehl, Ei, Sesam und Frühlingszwiebeln. Drittes bekanntes Gericht ist Reisbrei mit Pfirsichblüten. Diese Speisen werden in der Regel kalt gegessen. Dies hängt damit zusammen, dass ein zweites Fest eng mit dem Qingming Fest verknüpft ist: das Fest der kalten Speisen (寒食节 hanshijie).

"Qingtuan" Reisbällchen am Qingming Fest
“Qingtuan” Reisbällchen am Qingming Fest

Die Trauer des Jie Zitui

Auch dieses Fest hat eng mit dem Thema Tod zu tun. Wir befinden uns in der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (722-481 v. Chr.). Prinz Chong’er (充耳) aus Jin musste nach Unruhen (657-651 v. Chr.) zusammen mit 15 Gefolgsleuten fliehen. Einer von ihnen war sein Freund Jie Zitui (介子推). Erst nach 19 Jahren wurde der Prinz schließlich zum Herzog Wen von Jin (晋文公). Jie Zitui war der einzige der Gefolgsleute, der ihn über all die Jahre begleitet hatte und für ihn sorgte.

An der Macht angekommen hatte Jie keine politischen Ambitionen und siedelte mit seiner Mutter in den Wald um, um dort abgeschieden zu leben. Chong’er, nun eben Herzog Wen von Jin, ließ 636 v. Chr. nach ihm suchen, aber die Suche blieb erfolglos. Er ließ die Wälder in der Hoffnung abbrennen, um so seinen Freund Zitui wiederzufinden, doch dieser kam bei den Flammen um.

Aus Trauer und Reue verfügte er daraufhin, dass in den Folgejahren an diesen drei Tagen der Suche keine Feuer mehr entfacht werden dürften. Heute wird das Fest des Jie Zitui zwei Tage vor Qingming begangen.

Westlicher Kalender vs. Mondkalender

Feiertage haben in China eine sehr hohe Bedeutung, wahrscheinlich sogar eine höhere als bei uns, wo doch die meisten eigentlich nur noch Weihnachten richtig feiern. Gefeiert werden in China traditionelle Feste als auch Moderne. So stehen in der Tradition vor allem das Frühlingsfest, das Drachenbootfest und das Mondfest an vorderster Front. Aber auch neuere Feiertage, wie der Tag der Arbeit am 1. Mai oder auch Valentinstag spielen heute eine Rolle.

Wie sieht ein chinesischer Friedhof aus?

Beispiel: Shanghai

Shanghais Friedhöfe liegen weit außerhalb der Stadt. Zu Lebzeiten teilen sich viele Chinesen wenige Quadratmeter und auch im Tot liegen sie eng beisammen. Ein Grab direkt am nächsten, Gräber so weit das Auge reicht. Am Totenfest fahren die Familien, oft schwer bepackt, gemeinsam zu ihren Ahnen.

Am Totenfest verbrennen die Chinesen Papiergeld für ihre Ahnen

Auf die steinernen Grabplatten werden Opfergaben gelegt. Bananen, grüne Reiskuchen, ein Fläschchen Schnaps und Zigaretten für den verblichenen Opa, frische Blumen für die Oma. Damit sich die Ahnen im Jenseits auch etwas leisten können, wird Papiergeld verbrannt. Der Rauch beißt in den Augen. Dicke Räucherstäbchen verbreiten einen süßen Qualm.

Das Totenfest in China ist aber keineswegs nur ein Tag der Besinnung und Trauer. Schon im Bus vom Friedhof zurück in die Stadt werden die übriggebliebenen Opfergaben vertilgt. Danach lassen manche Familien Drachen steigen, andere gehen Erdbeeren pflücken.

Was feiern die Chinesen wann?

Ahnenverehrung in China

 

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Für Sie schreibt: Ulrike Hecker

Seit meiner ersten Reise 1987 hat mich das faszinierende Reich der Mitte in seinen Bann geschlagen. Seitdem habe ich Chinesisch gelernt und bin fast jedes Jahr nach China gereist. Ich arbeite seit 2004 mit Unterbrechungen bei China Tours und schreibe als freie Journalistin ein China-Magazin auf meinem Bambooblog.

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