Aufstieg und Fall: der Alte Sommerpalast

Beijing besitzt gleich zwei Sommerpaläste. Doch von dem einen ist kaum noch etwas übriggeblieben. Während der (Neue) Sommerpalast im Norden Beijings mit seinem prachtvollen Pavillon des buddhistischen Wohlduftens täglich die Massen anlockt, betragen die Besucherzahlen der in der Nähe liegenden Ruinen des Alten Sommerpalastes nur einen Bruchteil dessen.

Von dem Kaiser für den Kaiser

Baubeginn des einst prächtigen Prestigebaus war das Jahr 1707 und fiel somit in die Zeit des Kaisers Kangxi. Seine von 1661 bis zu seinem Tod 1722 dauernde 61-jährige Regentschaft gilt als eine der intellektuellen Blütezeiten der chinesischen Kaiserzeit. Dazu war sie auch noch die längste in der chinesischen Kaisergeschichte. Als Geschenk wurde der Sommerpalast für seinen vierten Sohn Prinz Yong erbaut. Als Kaiser Yongzheng (Regentschaft 1722 bis 1735) ließ er ihn dann ab 1725 weiter ausbauen. Eine ganz typische Erscheinung in der chinesischen Architektur. Gebäudekomplexe und Parkanlagen werden von späteren Regenten gerne nach und nach erweitert. So wurden auch die Verbotene Stadt und die Chinesische Mauer immer wieder umgestaltet, erweitert und erneuert. Auch Kaiser Qianlong, der Sohn des Yongzheng, ließ während seiner Regentschaft 1735 bis 1796 wieder an- und umbauen.

Der Alte Sommerpalast: Huanghuazhen Pavillon
Huanghuazhen Pavillon

Dieser ließ von 1749 bis 1759 Garten- und Palastanlagen im Barock-Stil erbauen und orientierte sich dabei am Schloss von Versailles. Auch ein Irrgarten kaum hinzu. Es verwundert nicht, dass der Architekt und Verantwortliche für den Europäischen Palast (Xiyanglou) ein Italiener war. Der Nachruf des Jesuiten und Malers Giuseppe Castiglione (1688 – 1766) wurde sogar persönlich von Kaiser Qianlong verfasst, was einmal mehr seine Bedeutung für den chinesischen Kaiserhof unterstreicht. Aber immmerhin lebte er 50 Jahre in Beijing und arbeittee am Hof. Weiter erreichte der Alte Sommerpalast Berühmtheit für seine umfangreiche kaiserliche Bibliothek.

Die Demütigung

Glauben wir der offiziellen chinesischen Geschichtsschreibung, so waren es die Kommunisten, die China aus den feudalen Zwängen der Kaiserzeit befreiten und die Zeit des Chaos nach 1911, nach dem Untergang der letzten Kaiserdynastie, überwanden. Es waren gerade die letzten Jahre der Qing-Dynastie (1644-1911), die im kollektiven Gedächtnis der Chinesen als schmerzlich empfunden werden. Es ist die Zeit, in der die Ausländer in China Fuß fassen. Kontakte zwischen China und dem sog. Westen hat es immer gegeben, aber nun war China Ziel des europäischen Kolonialismus und Imperialismus.

Der Alte Sommerpalast: Ruinen des Palastes Haiyantang
Ruinen des Palastes Haiyantang

Im Rahmen des Zweiten Opiumkriegs gegen Frankreich und England (1856 bis 1860) ließ der chinesische Kaiser Xianfeng (Regentschaft 1850 bis 1861) dreißig Franzosen und Briten foltern und hinrichten. Als Rache zerstörten englische Truppen 1860 mehrere Beijinger Palastbauten und plünderten sie. Darunter auch den Alten Sommerpalast. Zwar sollte er wieder aufgebaut werden, aber mangels Geld konnten die Qing diesen Plan nicht mehr in seiner Gänze umsetzen. Während der Niederschlagung des Boxeraufstands von 1900, einer anti-imperialistischen Bewegung der Chinesen gegen den europäischen, japanischen und amerikanischen Imperialismus, wurden dann auch die letzten Reste des Palastes dem Erdboden gleichgemacht. Und wieder haben die Engländer ihre Finger im Spiel – dieses Mal aber mit französischer Unterstützung.

Der Alte Sommerpalast und seine einstige Pracht

Gerade vor dem Hintergrund der europäisch-chinesischen Geschichte ist der Alte Sommerpalast also unbedingt eine Reise wert. Ohne jeden Zweifel, wer hier die Prächtigkeit der klassischen chinesischen Architektur sucht, der ist falsch und sollte lieber zum unweit entfernten Neuen Sommerpalast fahren. Eigentlich lohnt sich aber ein gemeinsamer Besuch. Die Ruinen lassen erahnen, mit welch‘ einer majestätischen Pracht hier einst der Alte Sommerpalast gestanden haben muss. Auch die angelegten Gärten mit all‘ ihren Brücken lassen sich heute noch erkennen.

Der Alte Sommerpalast: Eine erhalten gebliebene Brücke
Eine erhalten gebliebene Brücke

Einiges wurde auch wieder aufgebaut, so ist der Irrgarten nach Versailler Vorbild heute wieder intakt und es kann sich munter verlaufen werden. Hier ist ein Ort der Phantasie. Jene Phantasie, um sich vorzustellen, was die Westmächte einst zerstörten. Alles nur, um ihre Vormachtstellung in China auszubauen. Aber auch die Phantasie, um sich die prachtvollen Pavillons, Palasthallen und Brücken vorzustellen. Zum Glück gibt es bis heute Zeichnungen, die zeigen, wie der Alte Sommerpalast einst ausgesehen hat und diese werden im Park auch ausgestellt. Sie helfen dabei, seine Phantasie spielen zu lassen und sich den einzigen Sommerpalast in seiner Gänze, vorstellen zu können.

Nostalgie

Neben Nachbauten vieler europäischer Bauwerke in China haben die Chinesen nun auch die eigenen Monumente für sich entdeckt. Seit 2015 kann der Alte Sommerpalast in seiner ursprünglichen Pracht in der chinesischen Provinz Zhejiang besichtigt werden. Ein privater chinesischer Filmkonzern hat 95 % der Anlage auf seinem Studiogelände im Maßstab 1:1 nachbauen lassen. So, wie er nach Zeichnungen und Unterlagen einmal ausgesehen haben soll. Für schlappe 4,3 Mrd. Euro – Portokasse würde ich sagen! Schon etwas länger stehen auf dem Studiogelände Teile der Verbotenen Stadt – natürlich auch als detailgetreuer Nachbau. Not amused zeigte sich Beijing. Die Verwaltung des Originals konnte den Neubau trotz Kritik nicht verhindern und auch die Besucher zeigen sich wohl wenig begeistert. Für 40€ Eintritt sieht man halt doch nur einen Nachbau.

Dann doch lieber das Original in Beijing!

Pekings abenteuerliches Hinterland Reiseteaser China Tours

 

Für Sie schreibt: Frederik Schmitz

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

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