Chengdu: Stadt mit Charakter

Auf Reisen zu den vielen Sehenswürdigkeiten Sichuans ist ein Zwischenstopp in der Provinzhauptstadt Chengdu unvermeidlich. Der Verkehrsknotenpunkt hat mit seinen Pandas, Tempeln und alten Vierteln zwar einiges zu bieten, doch der eigentliche Reiz dieser Stadt zeigt sich im alltäglichen Leben ihrer Bewohner.

Anders als die europäischen Großstädte besitzen die chinesischen Metropolen nur wenig charakteristische Besonderheiten. Die meisten Gebäude sind während des Wirtschaftsbooms der letzten dreißig Jahre entstanden und die Überbleibsel der Mao-Ära zeichnen sich auch nicht gerade durch ihre Individualität aus. Architektonisch unterscheiden sich diese modernen Städte kaum voneinander, die Unterschiede im Charakter sind erst bei genauem Hinschauen erkennbar.

Es gibt aber auch Ausnahmen im Einheitsbrei chinesischer Städte. Unter diesen kennt man Kunming, die Stadt des immerwährenden Frühlings, Shanghai mit seinem europäischen Flair, Xi’an mit seinem Geschichtsreichtum – und Chengdu. Wer einmal hierher kommt, so heißt es von der Provinzhauptstadt Sichuans, der wird diese Stadt nicht wieder verlassen wollen. Und wahrlich, mit ihren Pandas und Teehäusern, mit ihren lebhaften Parks und ihrer 3000–jährigen Geschichte, vor allem aber aufgrund ihres gemütlichen Tempos ist die Stadt mit der sechstgrößten Bevölkerung Chinas einen längeren Aufenthalt mehr als wert.

Chengdu, Stadtzentrum

Gärten in groß und klein

Das Leben Chengdus spielt sich zweifelsohne in den Parks ab. Entlang der Adern des Fu-Flusses (府河) ziehen sich Rad- und Fußgängerpromenaden quer durch die Stadt und bieten Raum für Erholung. Hektik kennt man hier nicht, man lässt sich Zeit. Unter grünen Bäumen laden Bänke zum Verweilen ein. Wo immer sich zwei Gegner im chinesischen Schach messen, bilden sich Menschentrauben, die mit reger Anteilnahme das Spiel verfolgen. Ein paar Meter weiter wird Taiji geübt und überall am Ufer sind Angler zu sehen, die mit den Vögeln um die Fische des Flusses konkurrieren.

Flusspark, Schach ist von allgemeinem Interesse

Unter den größeren Parkanlagen ist der Volkspark (人民公园)besonders erwähnenswert. Auf verschlungenen Pfaden lässt sich im Bambuswald durch künstliche Berglandschaften spazieren, oder während einer Bootsfahrt auf einem kleinen Teich entspannen. Besonders gesellig geht es im Zentrum des Parkes zu, wo sich die Musiker zusammenfinden. Rings um den großen Platz konkurrieren Blaskapellen, Tänzer, Sänger und Trommelgruppen in einem ohrenbetäubenden Spektakel um die Aufmerksamkeit des Publikums. Dabei kommen nicht nur klassisch chinesische Musikinstrumente, wie das Streichinstrument Erhu, die Kürbisflöte oder der Gesang der Sichuanoper zum Einsatz. Auch westliche Instrumente werden immer beliebter. Im Zentrum des Platzes dröhnt gar Technomusik aus riesigen Boxen, während einige ältere Herren und Damen dazu ihre Tanzfiguren zum Besten geben.

Volkspark, Tanzen und Musizieren

Nur ein paar Schritte weiter bietet eine Sammlung von Penjing-Naturlandschaften (盆景) Gelegenheit, sich mit der chinesischen Miniaturgartenkunst vertraut zu machen. Der Legende nach sollen die ersten Penjing Landschaften von daoistischen Meistern geschaffen worden sein, indem sie reale Landschaften in Miniaturformat schrumpften.

Wie bei dem japanischen Pendant (Bonsai) ist das Ziel von Penjing-Landschaften, die Essenz der Natur festzuhalten und künstlerisch darzustellen. Man nennt sie deshalb auch dreidimensionale Lyrik. Aufgrund des frühen daoistischen Einflusses auf die Miniaturlandschaftskunst wird darin vor allem das Konzept der sich bedingenden Gegensätze zum Ausdruck gebracht. Beispielsweise durch Kargheit und Dichtheit des Bewuchses, Leere und Substanz, Größe und Kleinheit, Höhe und Tiefe, Weichheit und Härte, Helligkeit und Dunkelheit, Geradlinigkeit und Geschwungenheit, Leichtigkeit und Schwere, und vieles mehr.

Die Betrachtung der Miniaturlandschaften soll in meditative Stimmung versetzen, genau das Richtige um sich anschließend bei Snacks und Getränken ins Teehaus zu setzen und den Menschen beim Mahjongg-Spiel zuzusehen.

Volkspark, Penjing Landschaft

Vom edelsten Getränk der Welt

Teehäuser haben in Chengdu lange Tradition und tragen ganz besonders zur gemütlichen Atmosphäre der Stadt bei. Wie das Wiener Kaffeehaus, fungiert das chinesische Teehaus als Ort des stressfreien Zusammentreffens. Für gewöhnlich sitzen die Gäste in abgeschlossenen Separées, wo sie ungestörte Gespräche führen oder auch einfach nur die meditative Ruhe des Teetrinkens genießen. Aufgrund des heißen Wetters, vielleicht aber auch wegen des geselligen Charakters der Sichuanesen, sind in Chengdu aber vor allem die Außengärten der Teehäuser beliebt, wo die Menschen zum Karten- oder Mahjongg-Spiel zusammentreffen.

Viele Pensionisten verbringen hier ihre Nachmittage. Während es ihnen hauptsächlich um das Spiel geht, nehmen sie meist mit günstigem Grüntee vorlieb. Doch wer speziell zum Teetrinken kommt, der kann für eine besonders exklusive Teesorte gut und gern mehrere hundert Yuan pro Tasse liegenlassen. Ein teurer Tee unterscheidet sich von einem billigen durch die Qualität der verwendeten Blätter. Die oberen Blätter eines Strauches sind wertvoller als jene der unteren Äste. Aber auch Herkunftsgebiet, Alter des Tees und des Teestrauches, sowie die Verarbeitung von Hand oder per Maschine tragen zum Preis bei.

Volkspark, Bootsfahren

Zu den teuersten Tees zählt fraglos der Dahongpao (大红袍), der Rote-Roben-Tee. Diese Sorte wächst nur an drei einzigen Sträuchern, die zur Zeit der Songdynastie (960-1279) im Wuyi-Gebirge (Provinz Fujian) gepflanzt wurden. Der jährliche Ertrag von lediglich 1kg ist dem chinesischen Präsidenten, als Geschenk für Staatsgäste, vorbehalten. Mitunter werden jedoch kleine Mengen dieses Tees auf Auktionen versteigert und erzielen Preise von mehreren €10.000 für nur wenige Gramm. Auch in Teehäusern wird Dahongpao angeboten. Dieser stammt jedoch von Ablegern der drei Originalsträucher. Je näher die Verwandtschaft umso teurer der Tee.

Beim Dahongpao handelt es sich um einen halbfermentierten „Wulongtee“. Daneben unterscheidet man die allgemeinen Klassen des nicht fermentierten „Grüntees“ und des vollständig fermentierten „Roten Tees“. Unter den vielen Sorten, die oft nach ihrem Herkunftsgebiet benannt sind, zählt vor allem Pu’er Tee (普洱) aus der Provinz Yunnan zu den edelsten – auch wenn sein erdiger Geruch an Pferdedung erinnert.

Liebe geht durch den Magen

Neben Tee bietet Chengdu auch außergewöhnliche kulinarische Freuden. Die sichuanesische Küche gilt mit gutem Recht als die Beste in ganz China. Hier ist die ursprüngliche Heimat von „Fischgeruchs-Aubergine“ (Yuxiangqiezi 鱼香茄子) und „doppelt gebratenem Fleisch“ (Huiguorou 回锅肉), von „Palastverteidigungs-Huhn“ (Gongbaojiding 宫保鸡丁) und „Salzfritiertem Fleisch“ (Yanjianrou 盐煎肉). Nachdem sich diese beliebten Speisen mittlerweile in ganz China finden lassen, sollte man während eines Aufenthaltes in Chengdu die Gelegenheit nutzen, einige der weniger verbreiteten Spezialitäten Sichuans zu goustieren. Zu diesen zählen feuriges „Mapo-Tofu“ (Mapodoufu 麻婆豆腐), „in Chilisauce gebratener Fisch“ (Shuizhuyu 水煮鱼) und „Drachen-Teigtaschen“ (Longchaoshou 龙抄手).

Berühmt ist das sichuanesische Essen vor allem für seine Würze. Die Schärfe kommt jedoch nicht von der Chilischote, sondern vom Sichuan-Pfeffer, der anstatt feuriger Hitze ein kribbelndes Betäubungsgefühl im Mund bewirkt.

Bei der Suche nach den besten Restaurants der Stadt kann man den Reiseführer getrost beiseite legen. Dicht an dicht reihen sich die Essensbuden die Straßen entlang, und noch das unscheinbarste Restaurant wird einem hier ein fabelhaftes Essen zu kredenzen vermögen. Mein derzeitiges Lieblingsrestaurant, nicht nur Chengdus sondern ganz Chinas, heißt „乡村小采“ (Xiangcunxiaocai) und liegt nicht unweit des Xinnanmen Busbahnhofes in der Zhiminlu (致民路). Doch wird man nach guten Restaurants nirgendwo in der Stadt lange suchen müssen. Aus Erfahrung würde ich sagen, je kleiner und familiärer, umso besser schmeckt das Essen.

mein Lieblingsrestaurant

Touristisches Unterhaltungsprogramm

Wer nach all dem kulinarischen und ästhetischen Genuss doch noch ein wenig Lust auf Sightseeing verspüren sollte, für den ist ein Besuch in Chengdus Pandazuchtstation verpflichtend. Hier läuft das weltweit erfolgreichste Zuchtprogramm für diese bedrohte Spezies. Die meisten Pandas, welche China in den vergangenen Jahren an ausländische Zoos verschenkte (z.B. nach Berlin oder Wien), wurden hier geboren und aufgezogen. Auf über 100ha Bambuswald kann man die Pandas bei ihren ulkigen Klettereien beobachten und – wenn man zur richtigen Jahreszeit kommt – sogar die gerade mal 100g leichten Babypandas in den Brutkästen.

Pandazuchtstation

Von kulturellem Wert ist dementgegen das buddhistische Wenshu-Kloster (文殊院), welches zwischen Nordbahnhof und Stadtzentrum zu finden ist. Das zur Zeit der Tang-Dynastie (618-907) gegründete Kloster bietet einen authentischen Einblick in den noch immer aktiven Alltag der Mönche. Seine Qing-zeitlichen Tempel und sein großer Garten laden zum Verweilen in dieser herrlichen Oase der Ruhe ein. Für einen Moment lässt sich das moderne Stadtleben vergessen und ein Hauch des alten China erfahren.

Wenshu-Kloster

Auf derartige Erlebnisse darf hingegen nicht hoffen, wer einem der drei „alten Viertel“ Chengdus einen Besuch abstattet. Diese, erst vor wenigen Jahren im klassischen Architekturstil wiedererrichteten Viertel, sind wahre Touristenfallen. Ein Souvenirgeschäft reiht sich an das nächste, neben Starbucks und KFC ist in einem der traditionellen Hofhäuser sogar ein deutscher Biergarten zu finden, in dem die Bediensteten im Dirndl servieren.

Einen wesentlich authentischeren Einblick in die Vergangenheit Chengdus bietet dafür das Jinsha-Museum (金沙博物馆). In unzähligen, erst im Jahr 2001 entdeckten, Gräbern, fanden sich als Grabbeigaben die Überreste einer vor über 3000 Jahren blühenden Kultur. Kunstvolle Bronze- und Steinskulpturen, Jadeanhänger und goldenes Schmuckwerk zeugen von den hohen handwerklichen Fertigkeiten der einstigen Bewohner des Königreiches von Shu. Zu den größten Schätzen, die während der archäologischen Ausgrabungen zutage kamen, zählen eine kunstvolle Goldmaske und eine goldene Sonnenscheibe. Letztere versinnbildlicht die damalige Vorstellung, dass die Sonne von einem unsterblichen Vogel über den Himmel getragen würde.

Jinsha-Museum - unsterblicher Vogel und Sonnen Scheibe

Für alle Besucher Chengdus, ob sie hier nur Zwischenstopp machen oder extra wegen der Pandas gekommen sind, ob sie einen längeren Studien- oder Arbeitsaufenthalt hier verbringen, gilt: Sich einen Tag lang auf den gemütlichen Trott des Alltagslebens einzulassen und mit den Ortsansässigen durch die Parks zu flanieren ist auf jeden Fall lohnenswert. Dabei kann man erfahren, dass mitunter auch in der Großstadt Erholung möglich ist.

Für Sie schreibt: Lukas Weber

Auslandsreporter

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