Reissuppe und Vollkornbrot – zwischen China und Deutschland

Jedes Mal wenn ich zum Bürgeramt muss, passiert etwas Merkwürdiges. Ich ziehe eine Nummer und warte, bis die Zahl rot auf dem Bildschirm aufleuchtet. Ich gehe zur angezeigten Bearbeitungsstelle und schildere mein Anliegen. Die Person hinter dem Schreibtisch nickt, macht ein paar Klicks an ihrem Computer und sagt schließlich:
“So. Sie haben ja die deutsche und die chinesische Staatsbürgerschaft.”
Ich entgegne dann:
“Ja, wissen Sie, das ist komisch. Ich hatte aber noch nie einen chinesischen Pass. Das geht ja auch gar nicht.”
Wir wechseln noch ein paar Worte, die Person sagt, es stehe nunmal so im System. Ich sage, dass mir das ja aber überhaupt nichts bringt. Meist enden wir damit, dass ich auf einem Formular mit meiner Unterschrift bestätige, dass ich beide Staatsbürgerschaften besitze. So skurril diese Momente beim Bürgeramt erscheinen, so sehr passen sie dann doch zu dem Gefühl als Kind eines Deutschen und einer Chinesin nicht so ganz zugehörig zu sein. Schon formell gesehen braucht es mindestens zwei Schubladen, in oder zwischen die ich einsortiert werden kann.

Als ich kleiner war, sind wir in den Sommerferien häufig für ein paar Wochen zur Familie nach China geflogen. Damals lag für mich genau zwischen den zwei Welten Deutschland und China deswegen: das Flugzeug. Auf den mindestens sieben Stunden Flugzeit gab es beim Essen immer eine „westliche“ und eine chinesische Option. Ältere deutsche Damen mokierten sich über schnarchende Sitznachbarn, die Flugbegleiterinnen sprachen Mandarin, Deutsch und Englisch. Und manchmal – damals noch eher selten – war ein anderes Kind an Bord, das irgendwie so aussah wie ich.

Der gewisse Sonderstatus

Bis heute fühlt es sich oft an, als hätte ich sowohl in meiner deutschen, als auch in meiner chinesischen Familie einen gewissen Sonderstatus. In China schalte ich um: Das Schlürfen der Nudelsuppe hat meine Oma immer glücklich gemacht und wenn ich morgens unter die Dusche springe kommentiert mein Cousin mit einem Kopfnicken, diese Gewohnheit sei eben der Unterschied zwischen Deutschen und Chinesen. Dafür kann ich in Deutschland nicht verstehen, wieso nicht alle nach der Arbeit sofort in ihre Jogginghose schlüpfen. Im Gegenzug werde ich irritiert dafür angeguckt, wenn ich morgens nach dem Aufstehen zuerst eine Tasse heißes Wasser trinke.

Das Dazwischen ist oft eine ziemlich fordernde Moderationsarbeit, mit anderen und mit mir selbst. Würde ich Deutschland und China nur als ihre jeweiligen stereotypen Abbilder verstehen, dann würde oft vieles nicht zusammenpassen – so wie Kartoffeln mit Reis, das schmeckt nicht besonders. Wenn ich in Deutschland Vorurteile über China höre, bin ich oft verärgert oder habe das Bedürfnis, mit meiner eigenen Perspektive und Erfahrung entgegenzuwirken. Andersrum ist das nicht anders: Reduzieren manche Chinesen Deutschland auf Merkel und Biergärten, sehe ich mich in der Pflicht, mein erstes Zuhause zu verteidigen.

In meinem Dazwischen ist es allerdings oft auch besonders, irgendwie schön. Manchmal denke ich, ich konnte von Klein auf sehen, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt, weil ich selbst immer das Dazwischenliegende war. Meine Welt ist ständig geprägt von Konfrontation mit Andersartigkeit, von Irritation, vielleicht auch Missverständnis – aber dadurch habe ich gelernt, dass es viele Wahrheiten gibt. Viele Möglichkeiten, das Leben und die Welt zu sehen und mehrere Arten, wie man Tischmanieren ausdrückt, um Verstorbene trauert, Mitgefühl zeigt oder Neujahr feiern kann.

„Zwischen den Welten” ist mittendrin

Früher habe ich mich oft irgendwie verloren gefühlt, aus diesem Druck heraus, doch immer irgendwo zugehörig sein zu müssen. Ich bin die Halbchinesin oder die Halbdeutsche, in China aus gern eine 混血儿, was etwa soviel bedeutet wie Mischblut. Auch wegen dieser Zuschreibungen habe ich es mir in der Mitte bequem gemacht. Heute weiß ich, dass Zugehörigkeit sich kaum durch meine Staatsangehörigkeit ausdrückt. Immer mehr Menschen wachsen mit dem Privileg auf, diverse kulturelle Kontexte von Klein auf als Teil ihrer Lebenswelt zu empfinden – seien es der Schwarzwald und die Nordseeküste oder Laos und der mittlere Westen der USA. Das Dokument Reisepass gibt daher immer weniger Aufschluss darüber, wer wir eigentlich sind oder sein wollen. Er ist im Grunde ein Identitätsnachweis ohne wirklichen Bezug zur Identität.

Wenn Menschen von meiner Herkunft erfahren, fragen sie oft, mit welchem Teil ich mich verbundener fühle, oder wie es ist, „zwischen den Welten“ zu leben. Ich antworte dann meistens, dass ich gar nicht dazwischen, sondern mittendrin in meiner Lebenswelt lebe. Die ist mein Zentrum und kein Zwischenraum. Ich bin nicht halb-halb, sondern ein Ganzes. Ich bin auch nicht unvollständig, sondern manchmal eher übervollständig durch all die Projektionen, die von beiden Seiten auf mich geworfen werden.

Meine Welt ist manchmal Reissuppe zum Frühstück und Vollkornbrot zum Abendessen. Ich bin eine emanzipierte Frau, die ihre eigenen Lebensentscheidungen trifft. Dennoch fühle ich mich in besonderem Maße verantwortlich, mich regelmäßig um meine Eltern zu kümmern. Ob das nun als deutsch oder chinesisch gilt, ist mir gar nicht so wichtig. Und so bin ich eben weniger zwischen den Welten, sondern Teil von beiden. Und beide sind ein Teil von mir.

Für Sie schreibt: Lin Hierse

Lin Hierse hat Asienwissenschaften und Urban Geography in Berlin und Hangzhou studiert und im Anschluss als wissenschaftliche Mitarbeiterin am der Humboldt-Universität gearbeitet. Derzeit lebt sie in Berlin und ist Volontärin bei der taz.

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