Jilin und Liaoning: Der Nordosten Chinas

Liaoning und Jilin: Der Nordosten Chinas

Der „raue Nordosten“ Chinas gehört zwar nicht zu den bekanntesten Hotspots unter den Touristen, bietet aber mit seinen einmalig schönen Landschaften abseits des großen Trubels sehr viel Ruhe und Entspannung. Chinas Nordosten wird auch als Mandschurei bezeichnet und umfasst die Provinzen Liaoning 辽宁, Jilin 吉林 und Heilongjiang 黑龙江. Heilongjiang hat mit seiner Stadt Harbin und dem großen jährlich stattfindenden Eis- und Schneefestival den höchsten Bekanntheitsgrad erlangt.

Das Changbai-Gebirge

Eine Gemeinsamkeit der Provinzen Liaoning und Jilin bildet das gigantische Changbai-Gebirge 长白山 („Ewig weißes Gebirge“). Dieses erstreckt sich auf einer Strecke von knapp 100 Kilometern über beide Provinzen bis hin zur Grenze Nordkoreas. Das Gebirge umfasst insgesamt 16 Berggipfel und bildet die höchste Gebirgskette der Mandschurei. Der höchste Gipfel des Gebirges ist der Changbai- oder Baitou-Berg 白头山 („Weißköpfiger Berg“) mit einer Höhe von etwa 3.000 Metern. Der Berg ist ein inaktiver Vulkan, in dessen Mitte der wunderschöne Kratersee Tianchi 天池 („Himmelssee“) liegt.

Jilin und Liaoning: Der Nordosten Chinas
Der Himmelssee am Changbai Shan

Das Changbai-Gebirge erhebt sich nur wenige Kilometer des kleinen Ortes Huanren 桓仁 in der Provinz Liaoning und eignet sich ideal als Ausgangspunkt für kleinere Spaziergänge und große Wandertouren. Dies ist genau der richtige Ort, um einmal Abstand von all der Hektik der großen Metropolen zu gewinnen. Die Großgemeinde Huanren mit ihren 40.000 Einwohnern gehört zum autonomen Kreis Huanren der Manju, welcher Teil der bezirksfreien Stadt Benxi ist. Die Manju (auch Mandschu) gehören zu der zweitgrößten Gruppe der ethnischen Minderheiten in China. In der Provinz Liaoning machen sie rund 13% der Bevölkerung aus. Von den knapp 11 Millionen Manju in ganz China spricht der Großteil aber die chinesische Sprache. Manjurisch wird heute nur noch von einigen wenigen Manju der älteren Generation beherrscht und gilt daher als fast ausgestorben.

Bergstadt auf dem Wunü Shan

Bergstadt auf dem Wunü Berg

Ein beliebtes Ausflugsziel in der Nähe des Ortes Huanren ist die antike Bergstadt auf dem Wunü Shan 五女山 („Berg der Fünf Frauen“), der ebenfalls zum Changbai-Gebirge gehört. Der Wunü Berg liegt etwa acht Kilometer nordöstlich von Huanren entfernt und ist ein historisch sehr bedeutsamer Ort, da Archäologen hier Überreste des antiken koreanischen Goguryeo-Königreichs entdeckt haben. Im Jahr 2004 wurde die Wunü-Bergstadt in die Liste der Weltkulturerbestätten der UNESCO aufgenommen. Sie war die erste Hauptstadt des Reiches Goguryeo, eines der Drei Königreiche von Korea, das von 37 v. Chr. bis 668 n. Chr. existierte.

Amberbaum im HerbstDer Wunü Berg weist eine Höhe von 821 Metern auf und ist von einer eindrucksvollen Landschaft mit vielen Seen und Wasserläufen umgeben. Besonders im Herbst, wenn sich der Wunü Shan in ein rötliches Meer aus Blättern verwandelt, bietet die Natur einen unvergleichlichen Anblick. Verantwortlich dafür ist vor allem der Amberbaum, der sich hier weiträumig entfalten konnte. Die Bergstadt ist im Osten, Westen und Norden von einem steilen Gefälle umgeben. Der Aufstieg wird den Besuchern aber durch in den Berg eingelassene Geländer und Treppen erleichtert.

Aufstieg auf den Berg Wunü

Während des Aufstiegs bieten sich, in Pavillons oder auf Bänken, vor einem beeindruckenden Panorama, immer wieder Gelegenheiten für eine kurze Atempause. Es gilt außerdem viele archäologische Stätten, historische Überreste und Relikte zu erkunden. Darunter über 4.500 Jahre alte Keramik sowie Waffen und Werkzeuge aus dem neolithischen Zeitalter. Der Berg hat aber noch mehr zu bieten: So befindet sich innerhalb des Berges eine Tropfsteinhöhle, die unbedingt besucht werden sollte.

Der Huanlong See

Am Gipfel des Berges angekommen wird der Besucher mit einem fantastischen Ausblick auf den Huanlong See 桓龙湖 („Drachensee“) und die umliegende Landschaft belohnt. Der Drache ist der Namensgeber für den See, da er vom Gipfel aus betrachtet die Form eines Drachen hat. Der See ist mit einer Uferlinie von mehr als 80 Kilometern das größte Gewässer der Provinz und beherbergt eine ebenfalls sehr große Süßwasserfischzucht. Die mit 150.000 Quadratmetern größte Insel im Huanlong See ist die Wanle Insel 万乐岛(„Insel der 10.000 Freuden“). Bereisen lässt sich diese mit einem Ausflugsschiff bis 18.30 Uhr am Abend. Auf der Insel gibt es einen buddhistischen Tempel, den Wenchang Pavillon 文昌阁 (Wenchang ist der chinesische Gott des Schrifttums) sowie eine eindrucksvolle, 28 Meter hohe Statue der Südsee-Guanyin 南海观音, die im chinesischen Volksglauben auch als Göttin verehrt wird.

Jilin und Liaoning: Der Nordosten Chinas
Huanlong See: Der Drachensee

Der Abstieg

Der Abstieg des Wunü Berges kann für Wagemutige zu einem echten Abenteuer werden. Es gibt die Option, sich von einer ganz besonderen Seilbahn wieder an den Fuß des Berges transportieren zu lassen. Die Seilbahn befindet sich in der Nähe der Tropfsteinhöhle, etwa auf halber Höhe des Berges. In einem Gurtsystem hängend befördert die sogenannte Seilrutsche die Besucher wieder sicher nach unten. Ein exzellenter Abschluss für die Wandertour, für die man mindestens vier Stunden Zeit einplanen sollte.

Jilin und Liaoning: Der Nordosten Chinas

Chinesischer Eiswein

Die Region rund um den Ort Huanren ist zudem bekannt für ihren hochwertigen chinesischen Eiswein 冰葡萄酒. Die Trauben werden insbesondere rund um den Huanlong See angebaut, da hier optimale klimatische Bedingungen herrschen. Wenn man in der Gegend ist, sollte man der Weinkellerei Wunü Shan Milan Jiuye 五女山米兰酒业 unbedingt einen Besuch abstatten. Dort werden Weinverköstigungen angeboten – die ein oder andere Flasche des edlen Tropfens empfiehlt sich als das perfekte Souvenir für Zuhause. Der natursüße Wein, der aus gefrorenen Trauben hergestellt wird, ist als Rot- oder Weißwein erhältlich und schmeckt hervorragend.

Chinesischer Eiswein

Millionenstädte: Changchun und Shenyang

Neben den landschaftlich geprägten Gegenden der Mandschurei halten die Provinzhauptstädte Changchun 长春 (Provinz Jilin) und Shenyang 沈阳 (Provinz Liaoning) auch einige interessante Sehenswürdigkeiten bereit. So lässt sich in Changchun („Langer Frühling“) zum Beispiel der Kaiserpalast des letzten Kaisers von China bewundern. Der letzte Kaiser Puyi 溥仪 war von 1908 bis 1912 Kaiser der Qing-Dynastie und wurde von Japan im Jahr 1934 im damaligen Mandschukuo in Changchun als Marionettenkaiser eingesetzt.

Auch Shenyang kann mit einem ehemaligen Kaiserpalast aufwarten. Dieser wird häufig als Verbotene Stadt von Shenyang bezeichnet, da er der komprimierte Vorläufer der Verbotenen Stadt in Peking ist. Der Bau des Palastes begann bereits im Jahr 1625 unter dem Mandschu-Herrscher Nurhachi, dem Begründer der Qing-Dynastie. Der Kaiserpalast von Shenyang umfasst über 100 Gebäude auf 60.000 Quadratmetern und gehört seit 2004 zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Auch wenn die Provinzen Jilin und Liaoning nicht zu den bekanntesten Ausflugszielen Chinas zählen, bieten sie mit dem gewaltigen Changbai-Gebirge und den ehemaligen Kaiserpalästen doch einmalige, sehenswerte Landschaften und historische Schauplätze, für die sich eine Reise unbedingt lohnt.

Für Sie schreibt: Anna Sellmann

Sinologin M.A. | Blog-Redakteurin | Mitarbeiterin beim Museumsdienst Köln | Dozentin für Chinesisch

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