Tischgespräch: 10 Künstler haben sich auf meiner Haut verewigt

Ein grüner Mohawk und unzählige Tätowierungen, das sind die Markenzeichen von Chinas bekanntester Tätowiererin. Seit Zhuo Danting bzw. Ting, wie sie von allen genannt wird, vor rund vier Jahren ihr Tattoostudio in Shanghai aufgemacht hat, kommen die Kunden aus aller Welt.

Wer seine Haut mit einem von Tings beeindruckenden Tattoos schmücken will, muss sich auf eine lange Wartezeit einstellen. Die Süddeutsche Zeitung und der Shanghai Daily, Smart Shanghai und CCTV haben schon über die außergewöhnliche Chinesin berichtet. Heute hat sich Ting für ein Tischgespräch mit China Tours Magazin Zeit genommen.

China Tours Magazin: Wie kam es zu deiner recht ungewöhnlichen Berufswahl?

Ting: Ich habe schon immer gezeichnet. Alle möglichen Motive, Comics, was immer mir in den Sinn gab. Mein Vater hat mir viele Kunstbücher gekauft, da habe ich mir die Bilder angeschaut. Mit dem Tätowieren habe ich in der Mittelschule angefangen. Mein Freund war Tätowierer, das fand ich cool. Ich wollte etwas Außergewöhnliches machen. Später habe ich dann noch Kunst studiert.

China Tours Magazin: Aber Tätowieren ist ja nicht gleich Zeichnen. Wie hast du das Tätowieren erlernt?

Ting: Ich habe unzählige Tattoostudios in ganz China besucht und von den Künstlern da gelernt. Später hatte ich auch einen Lehrer, der mir viel gezeigt hat. Meine ersten Tattoos habe ich auf Schweinehaut gemacht. Später dann auf der Haut meiner Freunde. Eigentlich war das nur ein Hobby für mich, bis mir irgendwann ein Freund Geld für sein Tattoo gegeben hat. Da habe ich gemerkt, dass ich das ja auch zum Beruf machen könnte.

China Tours Magazin: Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Ting: Das ist schwierig, weil ich alle Stilrichtungen tätowiere. Schwarz-Weiß und Farbe, Westliche und Asiatische Motive. Ich möchte mich nicht festlegen. Portraits mag ich sehr gerne. Wenn ein Kunde kommt, gebe ich Empfehlungen was die Motivwahl angeht, aber im Endeffekt ist der Kunde König, was immer er will, werde ich ihm tätowieren.

China Tours Magazin: Welche Vorlieben haben deine chinesische Kunden bei der Motivwahl? Welche Motive werden von westlichen Kunden gewählt?

Ting: Asiaten haben am liebsten englischsprachige Schriftzüge, sie wählen außerdem oft flache Motive. Ausländer aus dem Westen wollen natürlich chinesische Schriftzeichen und die klassischen chinesischen Motive, wie Drache und Phönix. Am beliebtesten sind zurzeit Koi-Fische. Ich tätowiere fast täglich Kois. Wobei ich natürlich immer darauf achte, dass jeder Koi einzigartig ist.

China Tours Magazin: Gab es Tattoos eigentlich auch im alten China?

Ting: Ja, die Chinesen haben sich auch schon zur Zeit der Kaiserdynastien tätowieren lassen. Aber diese alten chinesischen Tattoos sind nicht so bekannt, wie die japanischen Ganzkörpertattoos.

China Tours Magazin: Wie akzeptiert sind Tätowierungen und Piercings im heutigen China?

Ting: Generell kann man schon sagen, dass die Akzeptanz immer mehr steigt. Meine Eltern, die im Nord-Osten von China wohnen, sind zum Beispiel sehr offen. Mein außergewöhnlicher Beruf ist kein Problem für sie. Aber natürlich ist es noch immer schwierig, wenn man die Tattoos und Piercings bei der Arbeit sieht.

Zhuo Danting tätowiert seit vier Jahren in den Shanghai Cool Docks
Zhuo Danting tätowiert seit vier Jahren in den Shanghai Cool Docks

China Tours Magazin: Gibt es auch Tattoostudios außerhalb von Shanghai und Beijing?

Ting: Ja natürlich. Es gibt in praktisch jeder mittelgroßen Stadt ein oder zwei Tattoostudios. Das Problem ist aber, dass die Qualität der Tätowierung oft sehr schlecht ist und nicht professionell gearbeitet wird. In Shanghai gibt es inzwischen wohl über 100 Läden.

China Tours Magazin: Wie ist dein Studio in Shanghai ausgestattet?

Ting: Selbstverständlich ist das Studio und alles was ich zum Tätowieren brauche absolut steril. Die Tinte, die ich verwende, kommt aus den USA. Dort wird die Tinte, bevor sie auf den Markt kommt, auf ihre Verträglichkeit getestet. Es gibt Gesundheitsvorschriften, die in China nicht existieren. Meine Tätowiermaschine kommt aus Italien und die Sitze für die Kunden, haben wir aus Taiwan, besonders bequem. Ich habe noch zwei andere Tätowierer, die bei mir im Studio arbeiten. Wer ein Tattoo von mir haben möchte, muss mit einer Wartezeit von sechs bis acht Wochen rechnen.

China Tours Magazin: Du selbst hast auch nicht wenige Tattoos. Weißt du noch wie viele es sind?

Ting: Das ist schwer zu sagen. Ich zähle sie nicht. Aber rund 10 Künstler, vorwiegend chinesische, haben sich auf meiner Haut verewigt.

China Tours Magazin: Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ting: Shanghai ist eine tolle Stadt, aber ich möchte nicht ewig hier bleiben. Ich will ins Ausland reisen. Am liebsten würde ich nach Berlin. Interessanterweise kommt ein Großteil meiner Kunden aus Deutschland. Sie haben bei mir einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Sie sind nett und entscheiden sich oft für sehr große Motive, was mir gut gefällt. Besonders die Männer sind auch oft sehr gut gebaut, muskulös. Deswegen will ich nach Berlin, da gibt’s bestimmt noch mehr von denen.

China Tours Magazin: Ja, wir haben eine Reihe großer, blonder Männer in Deutschland. Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

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Für Sie schreibt: China Tours

3 Kommentare

  1. Wow! Berlin würde sich SEHR über diesen Besuch freuen! 😀 Vielen Dank für das interessante Interview!

  2. Absolut! Sehr cooles Bild übrigens von Ting! Und eine spannende Sache wie unterschiedlich die Motivwahl ausfällt…kann man nur gespannt sein, wenn Ting nach Berlin kommen sollte, ob sich ihre Stilrichtung nochmal anders prägt…und ob sich ihr Bild von den Deutschen auch verändern würde!

  3. OK, dann werde ich Ting ausrichten, dass in Berlin schon die ersten potenziellen Kunden warten 😉

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