Anyang – Eine historische Hauptstadt

Die bezirksfreie Stadt Anyang 安阳 liegt im Norden der Provinz Henan 河南, etwa 500 Kilometer südwestlich von Peking. Sie hat ca. 5,7 Millionen Einwohner und gilt mit ihrer über 3000-jährigen Geschichte als Wiege der chinesischen Kultur. Anyang ist die älteste antike Hauptstadt Chinas und war von 1300 bis 1046 v. Chr. das Zentrum der chinesischen Shang-Dynastie, die als Blüte der chinesischen Bronzezeit gilt. Die Stadt ist vor allem bekannt für ihre zahlreichen archäologischen Stätten, wie die Ruinen von Yin (殷墟 Yin Xu) mit ihren königlichen Gräbern, Heiligtümern und Palästen. Neben antiken Bronzeobjekten wurden hier ebenfalls die frühesten Zeugnisse chinesischer Schrift – die Orakelknochen mitsamt antiker Inschriften ausgegraben. Aber auch landschaftlich halten Anyang und seine Umgebung viele spektakuläre Sehenswürdigkeiten bereit.

Die Ruinen von Yin

Die Ruinen der alten Hauptstadt Yin stammen aus der Zeit der Shang-Dynastie und zählen zweifellos zu den Hauptattraktionen von Anyang. Sie befinden sich im Nordwesten der Stadt und gehören seit 2006 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die ersten Ausgrabungen begannen bereits 1928. Die wichtigsten Fundorte in Anyang sind die beiden Dörfer Xiaotun 小屯 und Huayuanzhuang 花园庄. Etwa 100 Meter nördlich des Dorfes Xiaotun wurde im Jahr 1976 das ungeplünderte Grab von Fu Hao 妇好, einer Gemahlin des Königs Wu Ding 武丁 der Shang-Dynastie entdeckt. Fu Hao war eine interessante Persönlichkeit, da sie nicht nur Gemahlin des Königs, sondern auch eine einflussreiche Heerführerin ihrer Zeit war. Ihr Grab enthielt eine beträchtliche Menge an historisch wertvollen Grabbeigaben. Darunter hochwertige Bronze- und Jadeobjekte, Waffen, 3000 Kaurimuscheln (Währung zur Zeit der Shang-Dynastie) sowie eine Reihe von Menschen- und Tieropfern.

Die Orakelnochen von Anyang

In Anyang wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts außerdem eine für die chinesische Kultur sehr bedeutsame Entdeckung gemacht. Bei Feldarbeiten fand ein Bauer uralte Tierknochen, auf denen man später antike Schriftzeichen entdeckte – die sogenannten Orakelknocheninschriften 甲骨文. Die historische Bedeutung der Orakelknochen war bis zu diesem Zeitpunkt unbemerkt geblieben, da die gefundenen Rinderknochen und die Brustpanzer von Schildkröten häufig zu Pulver zermahlen und in der traditionellen chinesischen Medizin verwendet wurden. Bis heute wurden in Anyang etwa 20.000 Orakelknochen ausgegraben, die zur Weissagung dienten und Aufschluss über den frühen Ahnenkult und die Königsabfolge zur Zeit der Shang-Dynastie geben. Sie leisten außerdem einen großen Beitrag zur Erforschung der Ursprünge der chinesischen Schrift.

Die archäologischen Funde aus den Yin-Ruinen sind in verschiedenen Museen in Anyang ausgestellt. Anyang verfügt über drei große Museen: Das Anyang Museum 安阳博物馆, das Museum der chinesischen Schriftzeichen 中国文字博物馆 und das Yinxu-Museum 殷墟博物馆. Im Yinxu-Museum können Besucher neben den Yin-Ruinen ebenfalls das restaurierte Grab der Dame Fu Hao besichtigen.

Die Ruinen von Youlicheng

Neben den Yin-Ruinen sind die Ruinen von Youlicheng 羑里城遗址 ebenfalls eine wichtige historische Stätte in Anyang. Sie befinden sich etwa vier Kilometer nördlich des Kreises Tangyin 汤阴, welcher zum Verwaltungsbezirk von Anyang gehört. Es handelt sich der Legende nach um das erste chinesische Staatsgefängnis, um das sich sagenhafte mythologische Geschichten ranken. Der erste König der Zhou-Dynastie, König Wen 周文王 soll hier für sieben Jahre gefangen gehalten worden sein. Während dieser Zeit soll er Teile des berühmten Yijing 易经 („Buch der Wandlungen“) verfasst haben. Es handelt sich dabei um ein philosophisches Handbuch, das der Weissagung dient und dessen legendäre Ursprünge sich traditionell bis in das 3. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgen lassen. Das Yijing gilt als das früheste klassische und wahrscheinlich auch als das weltweit bekannteste Werk Chinas.

Ein weiteres wichtiges Symbol der Stadt Anyang ist die Wenfeng-Pagode 文峰塔. Sie befindet sich auf dem Gebiet des buddhistischen Tianning-Tempels 天宁寺, der bereits im Jahr 601 der Sui-Dynastie gegründet wurde. Der Tianning-Tempel und die knapp 40 Meter hohe Pagode liegen im Nordwesten des Stadtgebiets. Die Pagode wurde während der Zeit der Fünf Dynastien im Jahr 952 errichtet und kann somit auf eine über 1000-jährige Geschichte zurückblicken. Eine Besonderheit der fünfstöckigen Pagode ist, dass die einzelnen Stockwerke von unten nach oben hin immer breiter werden. Diese „Schirmform“ ist bei alten Pagoden in China äußerst selten zu finden.

Taihang-Gebirge und Hongqi-Kanal

Taihang Gebirge, Anyang, Henan, China

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Taihang-Gebirge 太行山 in Linzhou 林州 liegt etwa 60 Kilometer von Anyang entfernt. Es zählt zu den schönsten landschaftlichen Hotspots der Umgebung. Das Gebirge bildet die Grenze zwischen den Provinzen Henan, Shanxi und Hebei und erstreckt sich auf einer Länge von insgesamt über 400 Kilometern. Eines der Highlights des gewaltigen Gebirges ist der Taihang Grand Canyon, der mit tiefen Schluchten, steil aufragenden Klippen, wunderschönen Wasserfällen und glasklaren Gewässern aufwartet. Auch das von Seen und Wasserfällen gesäumte Tal der Pfirsichblüten bietet den Besuchern, vor allem im Frühling, ein einzigartiges Naturschauspiel. Eine weitere Attraktion im Taihang-Gebirge ist die Taihang Himmelsstraße, die sich auf dem höchsten Gipfel des Taihang-Gebirges auf einer Strecke von etwa 30 Kilometern erhebt. Von hier aus bietet sich Besuchern ein atemberaubender Blick auf den Grand Canyon sowie die gesamte umliegende Landschaft.

Am Fuße des Taihang-Gebirges, etwa 40 Kilometer nördlich des Grand Canyon befindet sich der imposante Hongqi-Kanal 红旗渠 („Rote-Fahne-Kanal“). Dieser wurde in den 1960er Jahren errichtet, um das Wasser aus dem Zhuozhang-Fluss in das trockene Gebiet von Linxian 林县 (heute Linzhou) umzuleiten. Er hat eine Gesamtlänge von über 1500 Kilometern und zählt heute zu einem sehr beliebten touristischen Landschaftsgebiet. Seit dem Jahr 2006 steht der Kanal auf der Liste der Denkmäler der Volksrepublik China.

 

Für Sie schreibt: Anna Sellmann

Sinologin M.A. | Blog-Redakteurin | Mitarbeiterin beim Museumsdienst Köln | Dozentin für Chinesisch

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