Lijiang – Auf den Spuren der Naxi

Die Stadt Lijiang 丽江市 befindet sich im Norden der Provinz Yunnan 云南 an den Ausläufern des Himalaya. Durch ihre Lage auf einem Plateau in etwa 2400 Metern Höhe verfügt sie über ein ganzjährig angenehmes Klima. Der Name Lijiang bedeutet „Stadt am schönen Fluss“ und bezieht sich auf die Nähe zum Mittellauf des Jangtsekiang.

Mit einer Einwohnerzahl von etwa 1,3 Millionen Menschen gehört Lijiang zu den kleineren Städten Chinas. Eine Besonderheit der Gegend ist der geringe Anteil von Han-Chinesen. Dieser beträgt hier nur etwa 50 Prozent. Neben den Han leben hier vor allem die Naxi, die Yi und die Lisu, die zu den ethnischen Minderheiten in China gehören. Die Naxi 纳西 stammen von den tibetischen Stämmen der Qiang ab und siedeln vermutlich seit dem 10. Jahrhundert in diesem Gebiet. Sie sind eine der wenigen ethnischen Minderheiten im Reich der Mitte, die ein eigenes Schriftsystem entwickelt haben.

Historischer Hintergrund

Lijiang blickt bereits auf eine über 800-jährige Geschichte zurück und wurde im 13. Jahrhundert gegründet. Zu dieser Zeit eroberte der mongolische Herrscher Kublai Khan das Gebiet um Lijiang – die damalige Siedlung Baisha des Naxi-Königreichs. Die Region war einst der wichtigste Knotenpunkt der antiken Südlichen Seidenstraße (auch „Tee- und Pferdestraße“ genannt). Hier entlang führte die Route der Tee-Karawanen, die dem Volk der Naxi Wohlstand brachten. Auch heute finden sich in Lijiang noch zahlreiche Teehäuser.

Etwa ein Drittel der Stadt wurde im Jahr 1996 durch Erdbeben zerstört. Zum Glück haben die traditionellen Häuser der Naxi das Beben zu einem Großteil überstanden. Die moderne Architektur in der Neustadt Lijiangs wurde hingegen zerstört. In Hinblick auf den zunehmenden Tourismus entschied man sich schließlich, das Stadtgebiet im traditionellen Stil wieder aufzubauen.

Die Altstadt von Lijiang

Die größte Sehenswürdigkeit von Lijiang ist ohne jeden Zweifel die wunderschöne historische Altstadt. Sie gilt als eine der am besten erhaltenen Altstädte Chinas und wurde im Jahr 1997 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Das Doppel-Wasserrad am Eingang zur Altstadt ist ein bekanntes Wahrzeichen. Der Stadtbezirk ist von engen Gassen mit Kopfsteinpflaster sowie einem antiken blumengesäumten Kanalnetz mit kleinen Brücken durchzogen. Die zahlreichen Kanäle lieferten früher das Trinkwasser für die Bewohner und sind auch heute teilweise noch intakt.

Den Kern der Altstadt bildet der Dayan-Distrikt, der zugleich Zentrum der Naxi-Minderheit ist. Wenn man durch die schmalen Gassen flaniert, wird der Geist der uralten Dongba 东巴-Kultur der Naxi deutlich spürbar. Die traditionellen Wohnhäuser der Naxi sind in der Regel um einen zentralen Hof herum angelegt und mit mythologischen Figuren und glückbringenden Fischen verziert. Türen, Balkone und Fensterläden sind aus rotem Holz gefertigt. Zudem sind die Häuser mit geschwungenen dunklen Ziegeldächern ausgestattet. Der Stolz der Naxi auf ihre eigene Schrift macht sich ebenfalls in der Altstadt bemerkbar. Neben der chinesischen Schreibweise finden sich auf der Beschilderung der Geschäfte und Restaurants auch häufig die bildhaften Schriftzeichen der Naxi.

Die Dächer von Lijiangs Altstadt

Der zentrale Sifang-Platz der Altstadt galt früher als Umschlagplatz für Waren aus Tibet, Yunnan und von den Karawanen der Seidenstraße. Heute finden sich hier viele Geschäfte für Kunsthandwerk, in denen die Touristen gerne Souvenirs für Zuhause einkaufen. Am frühen Abend versammeln sich die Naxi-Frauen auf dem zentralen Platz, um traditionelle Tänze darzubieten. Gegen Abend verwandelt sich das Areal dann zu einer Art Partymeile mit Lichtspektakel und Live-Musik. Eine klassischere abendliche Unterhaltung bietet das Naxi Orchester. Hier kann man sich von daoistischer Tempelmusik verzaubern lassen, die sich an keinem anderen Ort in China erhalten hat.

Grüne Oase inmitten der Stadt – der Löwenhügel-Park

Im östlichen Teil der Altstadt erstreckt sich auf einer Fläche von 39.000 Quadratmetern der dicht bewaldete Shizi Shan-Park 狮子山公园 („Löwenhügel-Park“) mit dem Shizi-Hügel 狮子山 („Löwenhügel“). Das Areal gilt als natürliche Grenze zwischen Altstadt und moderner Stadt. Die Namensgebung des Hügels erfolgte aufgrund der Form des Berges, der einem liegenden Löwen gleicht. Hier gilt es vor allem die hölzerne, etwa 33 Meter hohe Wangu-Pagode 万古楼 zu besichtigen. Diese hat zwar keine besonders alte Geschichte vorzuweisen, bietet aber einen wunderbaren Panoramablick über Lijiang.

Der Schwarze-Drachen-Teich

Im Norden des Stadtzentrums befindet sich der Heilong-Teich 黑龙潭 („Schwarzer-Drachen-Teich“) mit dazugehöriger Parkanlage. Vor einer einzigartigen Kulisse aus chinesischer Pavillon-Architektur und einer Fünf-Bogen-Brücke erhält der Besucher hier einen atemberaubenden Blick auf den knapp 5600 Meter hohen Yulong Xueshan 玉龙雪山 („Jadedrachen-Schneeberg“). Der sagenumwobene Berg befindet sich etwa 35 Kilometer entfernt von Lijiang und gehört zu den Ausläufern des Himalaya-Gebirges. Eine der höchsten Seilbahnen der Welt bringt die Besucher auf eine Höhe von unglaublichen 4506 Metern.

Im südlichen Bereich des Parks befindet sich das Dongba-Forschungsinstitut, in welchem kulturelle Artefakte der Naxi ausgestellt werden. Darunter sind insbesondere die Schriftrollen interessant, die die einzigartige Schrift der Naxi zeigen. Sie ist bereits über 1000 Jahre alt und die einzige Hieroglyphenschrift weltweit, die bis heute noch in Gebrauch ist. Am nördlichen Eingang des Parkareals kann man zudem das Museum der Naxi-Dongba-Kultur besuchen. Dieses gibt Einblick in die schamanistische Vergangenheit der Naxi.

Lesender Mann in Lijiang

Am östlichen Ufer des Schwarzen-Drachenteichs führen außerdem Fußwege hinauf zum Xiang Shan („Elefanten-Berg“). Dieser ist nicht besonders hoch, bietet aber einen beeindruckenden 360-Grad-Blick auf Lijiang mit seiner wunderbaren Altstadt sowie auf den Jadedrachen-Schneeberg.

Die Umgebung von Lijiang

In den Sommermonaten kommt es in der Provinz Yunnan häufig zu starken Regenfällen. Hierdurch führen die Flüsse mehr Wasser als üblich und bieten einen rauschenden Anblick. Es empfiehlt sich ein Ausflug zur berühmten Tigersprung-Schlucht. Im Tal der Schlucht fließt der Mittellauf des Jangtsekiang – der längste Fluss Chinas. Die Tigersprung-Schlucht befindet sich an der Ostseite des Jadedrachen-Schneebergs und der Westseite des Haba-Schneebergs.

Ferner gehören das Tal des blauen Monds sowie der Lugu See zu den landschaftlichen Highlights der Region. Das blaue Mond-Tal am Fuß des Jadedrachen-Schneebergs ist bekannt für seine türkis-blauen kristallklaren Gewässer und die einzigartigen Wasserterrassen. Der Lugu See ist mit einer Größe von 50 Quadratkilometern einer der größten Gebirgsseen in ganz Asien. Um den See verstreut liegen einige kleine Dörfer der Mosuo 摩梭, einer Untergruppe der Naxi. Diese ist für ihre matrilineare Gesellschaftsstruktur bekannt, bei der die Weitergabe von Besitz über die Linie der Mutter geschieht.

Der Jadedrachen-Schneeberg

Auch ein Besuch in den kleinen Dörfern Shuhe und Baisha lohnt sich, um mehr über die Naxi-Minderheiten und ihre Kultur zu erfahren. Von dort lassen sich sehenswerte Tempelanlagen der näheren Umgebung erkunden. Darunter der Yufeng-Tempel („Jade-Gipfel-Tempel“) am Fuß des Jadedrachen-Schneebergs, der Fuguo-Tempel 富国寺 sowie der Wenbi-Tempel 文笔寺. Die buddhistischen Tempelkomplexe sind größtenteils tibetischen Ursprungs.

Lijiang und viele weitere Höhepunkte können Sie auf dieser Reise erleben:

Für Sie schreibt: Anna Sellmann

Sinologin M.A. | Blog-Redakteurin | Mitarbeiterin beim Museumsdienst Köln | Dozentin für Chinesisch

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