Reisebericht aus dem Reich der Mitte Teil 2 – China für Entdecker

Dieser Reisebericht aus China wurde verfasst von Reinhard Helle.

Wir fahren mit dem Zug nach Datong, einer weiteren Kaiserstadt ganz in der Nähe der Großen Mauer. Datong wird von Hao Lei als „Kleinere Stadt“ bezeichnet. Wir staunen: Sie hat auch „nur“ ca. 2 Millionen Einwohner. Insgesamt gibt es in China über 100 Millionenstädte. Einerseits! Andererseits gibt es natürlich auch das ländliche China mit seinen fleißigen Bauern, den vielen kleinen Parzellen, wenig Maschineneinsatz und einer zunehmenden Land-Stadt-Flucht gerade der jungen Generation. Die Chinesen sind sich der damit verbundenen Problematik durchaus bewusst: Die Frage steht im Raum, wer denn in einigen Jahren das Land bewirtschaften und für die Versorgung mit Reis und Gemüse sorgen soll? Eine Antwort gibt es derweil noch nicht.

Pingyao – Eine Hochburg der Kultur

Pingyao ein Gesamtkunstwerk, das in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Auf einem abendlichen Spaziergang durch die Altstadt, hatten wir den Eindruck, dass die Stadt außer „Weltkulturerbe“ auch noch das „chinesische Mallorca“ sein könnte: zahlreiche Läden mit (Fuß-) Massageangeboten, Karaoke Bars, Kneipen mit Livemusik und die Müllabfuhr in der Nacht, die sich mit lauter klassischer Musik ankündigt. Wie grausam, wenn uns diese Erkenntnis entgangen wäre. Apropos UNESCO-Weltkultur- und -naturerbe: Wir besuchen während der Reise durch China zahlreiche „Erben“. Für ausländische Besucher heißt das stets: Pass zücken und eine mehr oder minder intensive Kontrolle über sich ergehen lassen. Allerdings ist uns aufgefallen, dass man in vielen Ausstellungen, Museen usw. nichts bezahlen muss, wenn man unter 1,20 m groß ist. Zu diesem Zweck gibt es an den Einlasstüren entsprechende „Größenmessungen“.

Deko der besonders kreativen Art

Auf nach Xi’an – Die Armee, die in keinem Reisebericht fehlen darf

Wir fahren mit dem Superschnellzug weiter nach Xi’an. Vom Hotel in Pingyao bis zum neu erbauten Bahnhof war es eine Fahrt von ca. einer Stunde. Die Bahnhöfe an den neuen Strecken für die Hochgeschwindigkeitszüge sind alle etwa in den letzten 10 Jahren gebaut worden. Der neue Bahnhof von Xi’an liegt aktuell noch einige Kilometer vom Stadtkern entfernt. Wir sind aber sicher: in 10 Jahren liegt er mitten im Zentrum, wenn die rasante wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre so weitergeht.

Und die Frage ist erlaubt: Kann es in den nächsten Jahren denn überhaupt so weitergehen? Ist diese Entwicklung vielleicht nur eine temporäre Blase? Wirtschaftlich scheint China heute kapitalistischer als jedes andere kapitalistische Land zu sein. Vieles wird in diesem Staat zudem absolut zentralistisch gehandhabt, weshalb der Bau von Flughäfen, Autobahnen und Trassen für Hochgeschwindigkeitszüge vermutlich schneller möglich ist, als z.B. in Deutschland. Aber um welchen Preis geschieht das hier?

Reisebericht Teil 2
Relikte aus alter Zeit: Die Terrakottakrieger in Xi’an

Chinesische Bahnhöfe – Eine Welt für sich

Reisebericht Teil 2 Bahnhof
Ein Bahnhof in China

Nach und nach drängt sich uns der Eindruck auf, dass die Chinesen preußischer als die Deutschen sind. Wir erleben das beispielsweise bei dem Ablauf im Bahnhof in Pingyao: Das Betreten des Bahnhofs ist nur mit Fahrkarte erlaubt. Allerdings ist es sehr schwierig Einzelfahrkarten kurz vor der Abfahrt zu erwerben – unsere Karten haben wir ca. drei Wochen vor Fahrtantritt gekauft. Koffer und Handgepäck werden durchleuchtet und es folgt eine Fahrkarten- und (bei Ausländern) Passkontrolle. Für diese Arbeitsschritte brauchen die Chinesen sieben Personen! Diese interessanten Beobachtungen werden sofort in meinem Reisebericht notiert.

Ca. 10 Minuten vor der Ankunft des Zuges werden die Karten nochmals kontrolliert und dann warten wir am Bahnsteig. Die Nummern der Waggons sind an den Stellen auf dem Bahnsteig aufgemalt, wo sie zum Halten kommen. Eine geänderte Wagenreihung, so wie wir das bei der Deutschen Bahn häufig gewohnt sind, gibt es hier nicht. Besonders spannend ist die gelbe Abstandslinie, hinter der man gehorsam zu warten hat. Einmal bin ich während des Wartens am Bahnsteig einige Schritte über die gelbe Linie gegangen, um besser fotografieren zu können. Das Ergebnis war eine deutliche und harsche Ansage durch das Bahnpersonal über Megaphon!

Traumwelten entlang des Flusses

Im weiteren Verlauf der Reise erleben wir an einem Abend einen fakultativen Programmpunkt: Show Impressionen von Liu San Jie. Obwohl oder vielleicht weil unsere Erwartungen hier nicht so hoch sind, erweist sich die Show als grandios: ein Bühnenspektakel mit 600 Laiendarstellern, vor einer realen Landschaftskulisse aufgeführt. Der Lijiang-Fluss ist die Bühne für diese Traumwelt. Vielleicht noch interessanter für uns Europäer – wenngleich etwas befremdlich – ist das Verhalten der überwiegend ca. 2.000 chinesischen Besucher: Viele der Gäste kamen verspätet oder gingen verfrüht, man unterhielt sich während der Veranstaltung laut und störend und ohnehin schienen die eigenen Smartphones interessanter als die Vorstellung selbst. Beifall gab es fast gar nicht. Für mich ist die Aufführung ein Highlight und findet ihren Platz in meinem Reisebericht.

Der Dritte Teil dieses Reiseberichtes erscheint am 16.10.2018

 

Anna Brückner

Für Sie schreibt: Anna Brückner

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