Binhai Bibliothek in Tianjin

Die Binhai Bibliothek in Tianjin – Lesen wie auf einem anderen Stern

Die chinesische Literaturgeschichte umfasst mehrere Jahrtausende und hat scheinbar unendlich viele Werke und großartige Literaten hervorgebracht. Doch die futuristische Bibliothek Binhai in Tianjin wartet nicht nur mit einem umfangreichen Literaturangebot auf: Die visionäre Architektur des Gebäudes erschafft eine Leseatmosphäre, die glatt einem der Romane von Liu Cixin entsprungen sein könnte …

Tianjin Binhai Bibliothek

Die Binhai New Area Bibliothek in Tianjin wird auch „Das Auge“ genannt und gehört zu den fünf zentralen Attraktionen der Küstenstadt. Die Bibliothek öffnete im Oktober 2017. Bereits am ersten Tag brach eine Welle von Besuchern und Medienvertretern über die Türschwellen herein. Aufgrund der atemberaubenden Architektur des fünfstöckigen Gebäudes ist das auch kein Wunder.

Im Innern fasziniert das weiße Atrium mit seinen interessant angeordneten „Bücherregalen“, die sich wellenförmig ausbreiten. Diese Gestaltung soll an die Tiefen des Meeres und die Hänge der chinesischen Landschaft erinnern. Das von der holländischen Architekturfirma MVRDV entworfene Konstrukt umfasst eine Fläche von 3.344 Quadratmetern und setzt sich aus Schichten zusammen, die in überlappenden und schräg zueinander stehenden Linien verlaufen. Der Innenraum selbst ist allerdings von einem scheinbaren Vakuum erfüllt, dessen konzeptionelles Zentrum wie eine Austern-Perle oder die Pupille eines Auges wirkt. „Das Auge“ selbst ist allerdings nicht einfach ein künstlerischer Geniestreich, sondern beherbergt unter seiner geheimnisvollen Aura ein Auditorium. Dieses stellt den eigentlichen Mittelpunkt der Bibliothek dar.

Lesen, Sitzen, Diskutieren

Die wellenförmigen Bücherregale füllen den gesamten Raum zwischen Boden und Decke des großen Atriums aus. Allerdings dienen sie nicht nur als Platzhalter für Bücher, sondern sind vielmehr Orte der Konsultation und Interaktion. Denn bei Bedarf werden diese zu Treppen oder Sitzgelegenheiten und sind in ihrer Nutzung ganz frei. Jede Ebene bietet die Möglichkeit zum Lesen, Nachdenken und Reden an, was befreiend auf den Geist ist, der sich wissbegierig in die Texte seiner Wahl gräbt.

Alles für die Optik?

Wie bei so vielem in China lohnt es sich, auch bei der Binhai Bibliothek genauer hinzusehen: Wer sich dem einen oder anderen Bücherregal nähert, wird feststellen, dass die Rückseite der Fächer mit Platten verkleidet worden sind, die Abbilder von Buchrücken zeigen. Also alles nur Show? In diesem Fall nicht! Die Binhai Bibliothek beherbergt sagenhafte 1,2 Millionen Bücher auf einer Fläche von 3.344 Quadratmetern!

Darüber hinaus hat die Bibliothek die bedeutende Funktion, eine kulturelle Verbindung zwischen der Altstadt von Tianjin, Wohngegenden, Einkaufsvierteln und Regierungsvierteln schaffen soll. Ein Besuch in diese beeindruckenden Bibliothek ist auf jeden Fall lohnenswert, da sie ihren Besuchern den Zugang zu zahlreichen Welten aus der Literatur ermöglicht. Und wenn man kein passendes Buch findet, laden einen die Treppen zum Entspannen und die Architektur zum Bestaunen ein.

Binhai Bibliothek
Binhai Bibliothek

Eine kurze Einführung in die chinesische Literatur

Die chinesische Geschichte datiert die erste Verwendung von Schriftzeichen auf die Shang-Dynastie in den Jahren 1700 bis 1050 v. Chr. Eine Fülle an früher chinesischer Literatur entstand während der Zeit der Hundert Schulen unter der Regentschaft der östlichen Zhou. Die wichtigsten Werke umfassen die Klassiker des Konfuzianismus, Daoismus, Moismus, Legalismus sowie militärische Werke und Schriften über die chinesische Geschichte.

An dieser Stelle sollten auf jeden Fall die fünf wichtigsten Klassiker des Konfuzianismus genannt werden: Sie umfassen das Buch der Wandlungen 易经, das Buch der Lieder 诗经, das Buch der Riten 礼记, das Buch der Urkunden 书经 und die Frühlings- und Herbstanalen 春秋. Des Weiteren gehören zu den berühmtesten Romanen der chinesischen Geschichte die folgenden vier Werke: “Die Geschichte der Drei Reiche” (三国演义, um 1390), “Die Räuber vom Liang-Schan-Moor” (水浒传, um 1573), “Die Reise nach Westen” (西游记, 1590), “Der Traum der Roten Kammer” (红楼梦, 1750 bis 1792).

Vier große Literaten

Für die chinesische Literaturgeschichte wichtige Literaten sind unter anderem Meister wie Du Fu, Li Bai und Lu Xun. Du Fu (712-770) entstammte aus einer angesehenen Gelehrtenfamilie und bewarb sich wie so viele auf eine Beamtenstelle, dessen Prüfung er allerdings mehrmals nicht bestand und sich mit 54 Jahren als gescheitert betrachtete. Abgeschieden und in Armut lebend verfasste er mehrere hundert lyrische Meisterwerke. Jedoch erkannten Literaten die Größe seiner Werke erst Jahrzehnte nach seinem Ableben an. Li Bai (701-762) hingegen war bereits zu seinen Lebzeiten ein gefeierter Dichter und das Vorbild von Du Fu. Der Kaiser berief den Literaten in die Gelehrtengruppe der Hanlin-Akademie, wo er als Hofdichter ein äußerst zufriedenstellendes Leben führte. Sein Talent war die Trinkerei und die Darstellung eines wildromantischen Bildnisses.

Eine Nachstellung des Treffens zwischen Du Fu und Li Bai

Ein weiterer großer Name der chinesischen Literatur ist Lu Xun (1881-1936) der ein chinesischer Schriftsteller und Intellektueller der jüngeren chinesischen Geschichte war. In der Volksrepublik China gilt er als Begründer der modernen Literatur und der Umgangssprache Baihua 白话文, die er anstelle der Schriftsprache Wenyan 文言 verwendete. Unter den Schriftstellern der gegenwärtigen chinesischen Literatur hat sich Liu Cixin weltweit einen Namen gemacht. Er ist der Verfasser der Science-Fiction-Reihe Trisolaris (auch “Die Drei Sonnen”, chin. 三体). Mit seinen scheinbar noch nie dagewesenen Geschichten und Visionen wirkt er wie ein zweiter Jules Verne.

Lu Xun 1930
Lu Xun 1930

In seinen Geschichten spielt Liu Cixin mit technologischen Ideen und beschreibt Welten, die zwar in das Genre Science-Fiction eingeordnet werden, aber so genial dargestellt sind, dass sie in naher Zukunft bereits real werden könnten. Zu seinen begeisterten Lesern sollen unter anderem Persönlichkeiten wie Mark Zuckerberg und Barack Obama gehören.

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Für Sie schreibt: Patrick Müsker

Sinologe M.A., Übersetzer,
Interkulturelle Beratung,
Delegationsbetreuung, Blog-Redakteur

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