Tee riechen und schmecken lernen: Zu Gast bei einer chinesischen Teezeremonie

China ist das Ursprungsland des Tees. Ein Besuch im Reich der Mitte wäre nicht komplett, ohne dass man an einer chinesischen Teezeremonie teilgenommen hätte. Tee spielt sowohl in der chinesischen Geschichte und Tradition als auch im Alltag eine zentrale Rolle. Während die Pflanze erstmals vor 400 Jahren via Portugal und Holland nach Europa gelangte, wurde sie in China schon vor mehr als 3000 Jahren als Medizin verwendet. Ein berühmtes chinesisches Sprichwort (开门七件事 = kāi​ mén qī jiàn shì) zählt Tee neben Brennholz, Reis, Öl, Salz, Gewürz und Essig zu den sieben Notwendigkeiten, ohne die man das Haus besser nicht verlässt.

Tee: Eine zentrale Rolle im Leben der Chinesen

Für ausländische Besucher scheint es, als tragen alle Chinesen stets eine Thermoskanne mit Tee bei sich. Auch darf eine breite Auswahl solcher Behälter in keinem noch so kleinen Supermarkt fehlen. Schauen Sie hin und Sie werden feststellen, dass sich viele Taxifahrer mit Tee behelfen, um ihre anstrengenden und oft sehr langen Schichten zu überstehen. Gerade als Gast wird Ihnen in China zum Zeichen der Wertschätzung häufig Tee angeboten. Bei dieser Gelegenheit offenbart sich auch der Grad der Ihnen entgegengebrachten Hochachtung sowie der soziale Status Ihres Gastgebers. Nur wahre Experten erkennen dies an der Qualität des Tees, der Art und Weise der Darreichung, oder an der verwendeten Teekanne.

Besonders in Städten wie Hangzhou, Suzhou oder Chengdu ist auch das chinesische Schriftzeichen für Tee (茶 – chá) im Straßenbild kaum zu übersehen. In diesen Zentren chinesischer Teekultur ist die Tradition der Teehäuser als Tummelplatz öffentlichen Lebens nach wie vor sehr lebendig. Nachdem die Zahl der Teestuben ab Mitte des letzten Jahrhunderts stark abgenommen hatte, erlebt die Tradition gegenwärtig eine Renaissance und vor allem wohlhabende Chinesen treffen sich wieder gerne in exklusivem Ambiente zur Teezeremonie – um zu genießen, um zu entspannen und um vielleicht auch das eine oder andere Geschäft anzubahnen.

Viel Geschick für ein geselliges Tässchen Tee

Die heute am weitesten verbreitete Form der Teezeremonie ist die aus Guangdong und Fujian stammende Gongfu-Teezeremonie. Gongfu (功夫) bedeutet Aufwand und Anstrengung, andererseits aber auch Geschicklichkeit und Können. Diese Doppeldeutigkeit der Schriftzeichen beschreibt passend, was Sie als Gast bei einer Teezeremonie zu sehen bekommen. Während der Aufwand, mit dem ein paar kleine Tässchen Tee zubereitet werden, völlig übertrieben erscheint, sind die Anmut und Eleganz, mit der dies alles vonstatten geht, absolut bezaubernd und fantastisch anzusehen.

Machen Sie sich klar, dass es sich beim Teezeremoniell um eine stark ritualisierte und nicht alltägliche Form der Teezubereitung handelt. Neben dem Tee spielen das Ambiente, die Ästhetik der Bewegungen und selbst Nebengeräusche wie beispielsweise plätscherndes Wasser eine wichtige Rolle. Trotzdem ist das Ritual längst nicht so streng und stumm wie beispielsweise in Japan und Sie dürfen sich gerne unterhalten und Fragen stellen. Letztlich geht es in China beim Teetrinken um Geselligkeit.

Teezeremonie

Zu Gast bei einer chinesischen Teezeremonie

Sie machen es sich auf Kissen oder niedrigen Hockern vor dem Teetisch bequem. Anschließend beginnt die Teemeisterin oder der Teemeister damit, die Tässchen und Kännchen mithilfe einer hölzernen Pinzette und heißem Wasser zu reinigen. Das Gleiche kann man übrigens auch häufig im Restaurant beobachten, wenn chinesische Gäste vor dem Essen ihre Essstäbchen und Reisschälchen in einer Schale mit heißem Wasser oder Tee spülen. Die Teekännchen werden auch von außen übergossen und anschließend wird das Wasser gleichmäßig über dem Teetisch entleert. Der Tisch ist so beschaffen, dass die während der Zeremonie reichlich vergossene Flüssigkeit in einen kleinen Abfluss strömt und in einen Behälter unter dem Tisch abfließt. Jeder Gast erhält einen kleinen Untersetzter mit einem  daumengroßen schlanken Riechbecher sowie einem flachen Trinkschälchen von der Größe eines Eierbechers.

Während die Teemeisterin Herkunft und Herstellungsprozess der zu verkostenden Sorte erläutert, wird zwischen den Gästen eine spezielle Schale mit den trockenen Teeblättern herumgereicht, um sich mit Aussehen und Geruch des Tees vertraut zu machen. Anschließend werden  zwei bis vier Gramm Tee mit einem hölzernen Spachtel in eines der vom Spülen noch dampfende Kännchen umgefüllt, um nochmal an ihm zu riechen, bevor er aufgebrüht wird. Sie werden feststellen, dass der Tee im feuchtwarmen Gefäß sehr viel aromatischer duftet, als noch kurz zuvor.

Der erste Aufguss landet im Abfluss

Bevor mit dem ersten Aufguss begonnen wird, muss das Wasser aus dem Wasserkocher mehrmals zwischen zwei Kännchen hin und her gefüllt werden, um es auf die ideale Temperatur für den entsprechenden Tee abzukühlen. Im Falle von Grünen Tee sind dies 80°C. Höhere und niedrigere Temperaturen würden das Aroma entweder zerstören, oder nicht vollends entfalten. Doch wer hofft endlich in den Genuss der ersten Tasse Tee zu kommen, der wird leider enttäuscht: Der erste Aufguss wird mit eleganten Bewegungen über dem Teetisch entleert. Er dient lediglich dem Zweck die zusammengerollten, trockenen Teeblätter zu öffnen und ihnen einen Teil ihrer Bitterstoffe zu nehmen.

Teezeremonie

Der zweite Aufguss: Riechen und Schlürfen

Beim zweiten Aufguss dürfen Sie kosten. In diesem Schritt werden die geöffneten Teeblätter erneut überbrüht und man lässt sie entsprechend ihrer Sorte zwischen wenigen Sekunden und einer halben Minute ziehen. Anschließend wird der Tee über einen Netzfilter in ein zweites Kännchen umgefüllt, da die Teeblätter zwecks weiterer Aufgüsse nicht im heißen Wasser stehen sollen. Vom zweiten Teekännchen wird der Tee über die lang gezogenen Riechbecher der Gäste verteilt. Decken Sie den Becher mit dem flachen Schälchen ab, pressen die Gefäße mit der rechten Hand zusammen und drehen sie mit etwas Schwung und Geschick um 180 Grad, sodass der Tee möglichst vollständig im Trinkschälchen landet. Halten Sie sich den leeren Riechbecher anschließend unter die Nase und rollen Sie den Tee zwischen Ihren Handflächen, während Sie sich an seinem voll entfalteten Geruch erfreuen.

Jetzt dürfen Sie trinken! Dabei ist Schlürfen ausdrücklich erwünscht, da sich bei der Durchmischung von Luft und Tee in Ihrem Mund der Geschmack viel besser entfalten kann. Nachdem Sie sich über Ihre Eindrücke mit den anderen Gästen und der Teemeisterin ausgetauscht haben, wiederholt sich dieser Schritt in der Folge mehrere Male. Mit jedem weiteren Aufguss lässt man den Tee ca. 10 Sekunden länger ziehen. Nach und nach verändern sich dadurch Geruch und Geschmack des Tees. Je nach Qualität des Tees lassen sich bis zu sieben Aufgüsse bereiten.

Woran Sie guten Tee erkennen

Sollten Sie sich im Anschluss an die Teezeremonie für den Kauf eines Tees entscheiden, noch Tipps für die Auswahl: Guter Tee hat einen feinen Glanz und fühlt sich fest und vollkommen trocken an, wenn Sie ihn zwischen Ihren Handballen reiben. Zudem weist der trockene Tee einen frischen und fruchtigen Geruch auf. Weniger guter Tee hingegen riecht fade, mit leicht rauchigen oder säuerlichen Noten. Außerdem sollen die bereits aufgebrühten Teeblätter unversehrt sein und sich geschmeidig rollen und knicken lassen, ohne dabei zu brechen. Berücksichtigen Sie diese Ratschläge und das Gelingen Ihres ersten eigenen Aufgusses ist so gut wie sicher.

China individuell

Für Sie schreibt: Raoul Hübner

Auslandsreporter

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