Feilschen in China für Anfänger

Während meiner ersten Reise nach China stand auch ein Besuch im „Freundschaftsmarkt“ auf dem Programm. Unter dieser schön anmutenden Bezeichnung versteckt sich nichts anderes als ein riesiges Kaufhaus für gefälschte Markenprodukte. Von Handtaschen über Schuhe und Klamotten bis hin zu Souvenirs kann man dort alles bekommen. Doch bevor das große Einkaufen beginnen konnte, musste eine Sache sitzen: das richtige Feilschen!

Faustregel

Während der Fahrt im Reisebus zu dem Freundschaftsmarkt wurden wir zum Glück von einer Chinesin in die Welt des Feilschens eingeführt. Dabei wurde eins direkt klargestellt: Ähnlich wie im Casino gilt, dass die Bank immer gewinnt. Im Freundschaftsmarkt ist es eben nicht die Bank, sondern der Händler. Dennoch lassen sich immer ein paar Euro sparen. Wichtig ist, dass man sich einen Preis festlegt, den man maximal bereit ist zu bezahlen. Diesen Preis dann halbieren und fertig ist das Startgebot. Mit dieser Faustregel wurde ich in die Welt des Feilschens entlassen und konnte meine ersten Erfahrungen sammeln.

Dennoch war ich anfangs etwas überfordert und habe einige Zeit gebracht, bis ich sogar eine Leidenschaft für des Feilschen entwickelt habe. Irgendwann wurde es auch zu einem Wettbewerb – selbst eine Ersparnis von 10 Cent war ein Erfolg! Es gilt die Devise: Wenn der Händler bei dem Preis nichts mehr verdienen kann, dann wird er nicht zuschlagen. Denn irgendjemand anderes wird den höheren Preis schon zahlen.

Ein zufriedener Händler
Ein zufriedener Händler

Das Unwort

Ich bin dazu übergegangen, mein Einstiegsgebot sogar noch etwas tiefer anzusetzen, um mehr Raum zum Verhandeln zu haben. Auch scheue ich nicht mehr davor zurück, dass der Händler “nein” sagt. Dann gehe ich einfach weiter, da man die meisten Waren auch in einem anderen Geschäft finden wird.

Dennoch gibt es das eine Unwort, dass jeden erfahrenen Feilscher eiskalt erwischt: Wenn nach dem ersten Gebot die Antwort “okay” kommt. Dann noch weiter zu handeln, mache ich tatsächlich ungern. Meist täusche ich dann vor, doch kein Interesse zu haben und gehe weiter. Ein Gutes hat diese Situation dennoch: Ich weiß, dass ich beim nächsten Stand günstiger anfangen kann.

Wo kann man feilschen?

In China kann man fast überall da feilschen, wo es sich um nicht befestigte Läden handelt. Im Supermarkt oder Geschäften wird es schwieriger, aber auf Märkten oder bei Souvenirständen kann man immer den einen oder anderen Schein sparen. Das klingt in Euro umgerechnet wenig, aber wenn man sich vor Augen hält, dass die Ersparnis oft dem Preis eines Essens in China entspricht, dann lohnt es sich.

Gerne feilsche ich auch, wenn wir uns im Urlaub ein Taxi für einen Ausflug mieten. Allerdings gebe ich dann das gesparte Geld nach guter deutscher Manier wieder als Trinkgeld. Aber für mich geht es weniger darum, dass ich die paar Euros sparen konnte, sondern um das Teilhaben an der chinesischen Kultur – und das kleine Erfolgserlebnis!

In Taxis darf auch gefeilscht werden!
In Taxis darf auch gefeilscht werden!

Ausländerpreise

Ein absolutes Argument für das Feilschen sind die vielerorts gültigen “Ausländerpreise”. Diese betragen zuweilen das doppelte des eigentlichen Preises. Ich erinnere mich immer gerne an eine Situation in Peking. Ich ging abends mit einer Freundin über den Wangfujing Nachtmarkt. Bei einem Souvenirstand hörte ich, wie die Verkäuferin zu einem interessierten Chinesen sagte, dass die Buddhafigur 80 RMB kosten würde. Da wollte ich überprüfen, ob das mit den Ausländerpreisen wirklich so schlimm ist, wie man immer hört. Also ging ich zu der Dame und fragte auf Englisch, was die Figur kosten würde. 160 RMB war die Antwort. Schmunzelnd erwiderte ich auf Chinesisch, warum sie dem anderen Kunden dann nur 80 RMB gesagt hätte. Darauf fiel ihr nichts mehr ein und ich ließ sie mit sichtlich geröteten Wagen zurück. Aus diesem Grund habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich beim Feilschen mit einem sehr viel niedrigeren Angebot beginne.

Feilschen wird schwieriger

Dennoch wird es auch für die Feilscher immer schwieriger gute Schnäppchen zu bekommen. Die Freundschaftsmärkte verschwinden nach und nach und auch die Verkaufsstände am Straßenrand weichen den Einkaufszentren. Gerade in den Großstädten komme ich kaum noch zum Handeln. Je weiter sich China entwickelt, desto weniger Marktstände gibt es. Ein positiver Nebeneffekt ist häufig eine Steigerung der Qualität und Produktsicherheit. Wer trotzdem nicht auf das Feilschen verzichte möchte, kann dies immer noch in den ländlicheren Regionen tun, die von diesen Entwicklungen eher weniger betroffen sind.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Feilschen Spaß macht und man wirklich Geld sparen kann. Solange für Ausländer noch Spezialpreise gelten, sollte man es wenigstens versuchen und mutig sein!

Avatar

Für Sie schreibt: Frederik Schmitz

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.