Guangdong – Vielfalt zwischen Festungen und Minderheiten

Für eine Reise in Chinas Süden eignet sich so manche Provinz. Egal ob Fujian, Guizhou, Guangxi oder Yunnan: Sie alle stehen für die Vielfalt in China. Genau dies gilt auch für Guangdong. Als Tor zu Hongkong und damit zur Welt hat Guangdong bis heute eine einzigartige Stellung in China!

Nicht nur gibt es in der Provinzhauptstadt Guangzhou eine große afrikanische Community, sondern auch die Architektur wurde durch im Ausland lebende Chinesen maßgeblich beeinflusst. Darüber hinaus ist Guangdong aber auch ein Treffpunkt der nationalen Minderheiten Chinas. Genug also für eine spannende Reise in die Region, die manch ein Reisender auch als kulinarischen Höhepunkt Chinas bezeichnen würde.

Die Geschichte der Auswanderung

Die in Guangdong gelegene Stadt Kaiping besticht heute durch ihre westlich anmutenden Türme – die Diaolou-Türme. Um diese, wie eine Festung aussehenden Bauten, zu verstehen, ist ein Blick in das China zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert notwendig. Bis 1893 war es Chinesen strengstens untersagt, China zu verlassen. Dennoch haben viele die Reise gewagt. Aufgrund von einer immer weiter steigenden Bevölkerung und begrenzten Ressourcen kam es zum Ende des 19. Jahrhunderts zu massiven Hungersnöten. Mit dem Ende des Ausreiseverbots kam es zum großen Exodus. Eine Heerschar von Tagelöhnern verließ das Land gen Westen. Die Kulis, wie sie im Ausland genannt wurden, arbeiteten zwar unter äußerst schwierigen Bedingungen, beispielsweise für Eisenbahngesellschaften in den USA, konnten aber Geld nach Hause schicken, wovon ganze Dörfer abhängig waren.

Die Festungen von Kaiping

Diskriminierung und die Weltwirtschaftskrise zwangen viele Chinesen um die Jahrhundertwende wieder zurück nach China. Doch auch in China wurde es unsicherer. Mit dem Ende der Qing-Zeit 1911 kamen die Warlords. Marodierende Truppen plünderten die Dörfer. Die Suche nach sicheren Rückzugsorten begann. Hier machten sich viele eine traditionelle Bauart zu eigen. Gegen Hochwasser hatte es in der Region schon seit Jahrhunderten Diaolou-Bauten gegeben. Hier konnte die Dorfbevölkerung bei Überschwemmungen Zuflucht finden. Die Lösung hieß nun: Festungen nach altem und westlichem Vorbild erschaffen.

Die Diaolou-Festungshäuser in Guangdong
Die Diaolou-Festungshäuser in Guangdong

So wurden die neuen Diaolou entwickelt. Massive mehrstöckige Festungen ragten bald über die Reisfelder und Baumkronen. Die unteren Etagen wurden eher funktional konzipiert: ohne Fenster, aber dafür mit Schießschächten. Weiter oben verewigten die Bauherren ihre Erinnerungen an die Zeit im Ausland. Hier finden sich Barock-Motive, Säulen, aber auch Elemente, die an Moscheen erinnern. Je höher das Stockwerk, desto verzierter die Ornamentik. Nicht selten gibt es in den oberen Stockwerken Balkone. Zum einen konnten Feinde so ausfindig gemacht werden und zum anderen hatte man eine schöne Aussicht – auch in Richtung Mond.

Die seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörenden Diaolou haben aber auch nach ihrer Entstehung einiges mitgemacht. Einst gab es in und um Kaiping um die 3.000 Gebäude. Heute sind es nur noch 1800. Viele sind den Wirrungen der Kulturrevolution zum Opfer gefallen. Heute dienen sie nicht nur als touristisches Ziel, sondern viele von ihnen werden immer noch von Reisbauern bewohnt – seit Generationen.

Guangdongs Gegensätze: Zhaoqing und Shenzhen

Bevor es nach Osten in Richtung Meizhou geht, lohnen Besuche in Zhaoqing und Shenzhen. Spätestens seit dem Trend zur Künstlichen Intelligenz ist auch jedem hier in Deutschland die chinesische Stadt Shenzhen ein Begriff. Das Silicon Valley des Ostens ist momentan sicherlich einer der spannendsten Orte im Reich der Mitte. Bis Shenzhen 1979 zur Sonderverwaltungszone ernannt wurde, war dieses wenig bedeutende Fischerdorf kaum jemandem bekannt. Das hat sich schlagartig geändert. Heute ist Shenzhen der Sehnsuchtsort vieler Chinesen, die am Aufstieg Chinas teilhaben möchten. Im völligen Kontrast zu den traditionellen Bauten in Kaiping, sind die gläsernen Wolkenkratzer hier eines der Highlights.

Auch das ist ein Gesicht von Guangdong: Hochhäuser in Shenzhen
Auch das ist ein Gesicht von Guangdong: Hochhäuser in Shenzhen

Mit Zhaoqing kehren wir dann schon wieder zurück in die Vergangenheit. Nicht nur, dass es auch hier noch eine gut erhaltene Stadtmauer gibt, mit dem Berg Dinghu kann man hier auch das erste chinesische Naturschutzgebiet erkunden. Ein mit Wasserstraßen durchzogenes historisches Dorf namens Xiaozhou (小洲村) in der Nähe Zhaoqings bietet zudem einen schönen Ausflug. Freunden buddhistischer Tempelanlagen, sei der Mei’an-Tempel (梅庵) ans Herz gelegt. Die Anlage stammt ursprünglich aus dem Jahr 996 und hält so manche Geschichte parat.

 

Aber auch eine kulinarische Besonderheit ist es wert, probiert zu werden: Zongzi, die pyramidenförmig mit Klebereis gefüllten Bananenblätter, gibt es zwar in ganz China, aber hier sind die Guozhen Zong (肇庆裹蒸粽) eine Spezialität. Die ein Pfund schweren „Snacks“ werden mit Mungobohnen, Schweinefleisch, gesalzenem Ei, chinesischen Würsten und Pilzen gefüllt und anschließend stundenlang gekocht. Ein echter Genuss!

Wer nach Zhaoqing kommt, muss Zongzi probieren!
Wer nach Zhaoqing kommt, muss Zongzi probieren!

Die Tulou von Meizhou

Nicht nur die durch das Ausland geprägten Chinesen konnten Festungen bauen, sondern auch die Hakka. Die Hakka sind eine Han-Nationalität und gehören somit zu den 54 anerkannten Nationalitäten in China. Auch sie bauten Häuser, die sowohl der Selbstverteidigung als auch dem Wohnen dienten. Sie heißen Tulou-Festungshäuser und gehören zum UNESCO-Kulturerbe in Fujian. Was wenige wissen ist, dass es auch in Guangdong solche Gebäude gibt. Diese liegen in der Nähe der sonst relativ unscheinbaren Stadt Meizhou. Erste Tulou stammen bereits aus dem 12. Jahrhundert. Allerdings wurden die aufwendigsten erst gut 500 Jahre später errichtet.

Ein Tulou-Rundhaus der Hakka
Ein Tulou-Rundhaus der Hakka

Tulou sind kreisrunde Häuser mit dicken Außenmauern. An ihrer Außenseite haben sie kaum Fenster und auch nur einen Eingang. Im Inneren der Häuser gibt es einen runden Innenhof. Über diesen kommt dann auch Licht in die Wohnungen.

Bei all den Sehenswürdigkeiten darf aber auch nicht das leibliche Wohl zu kurz kommen. Die Küche der Hakka hat einige Unterschiede zur „normalen“ chinesischen Küche. Eines der bekanntesten Gerichte ist das Salz-gebackene Huhn (盐焗鸡). Ein weiterer Klassiker für Tofu-Fans ist der Niang Doufu (酿豆腐). Dies ist allerdings kein Gericht für Vegetarier. Der Tofu wird mit Hackfleisch und Fischpaste gefüllt und anschließend gebraten. Ebenfalls sehr lecker!

Die Vielfalt von Guangdong

Chinas Vielfalt spiegelt sich nicht nur von Provinz zu Provinz wider, sondern auch innerhalb jeder einzelnen Provinz. Egal ob Diaolou, Tulou, Wolkenkratzer oder Stadtmauern: Guangdong bietet so einiges für eine gelungene Reise nach China. Und wie immer darf auch die kulinarische Seite Chinas nicht zu kurz kommen, was in dieser tollen Provinz kein Problem ist!

Begleiten Sie den Gründer von China Tours – Liu Guosheng – auf eine ganz besondere Reise, die Sie von Sichuan bis nach Guangdong führen wird!

 

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Für Sie schreibt: Frederik Schmitz

Auslandsreporter. Seitdem ich 2009 zum ersten Mal nach China reiste, versuche ich auch ein China neben den Hotspots kennenzulernen. Ganz passend dazu studierte ich erst Regionalstudien China in Köln und mache seit 2016 meinen Master in Sinologie in Tübingen.

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